Wem gehört die Flöte?
Drei Kinder streiten um eine Flöte: Das eine kann als Einziges spielen, das zweite ist arm und hat sonst kein Spielzeug, das dritte hat die Flöte mit eigenen Händen gemacht. Wem gehört sie? Amartya Sens Beispiel zeigt, dass schon die Wahl des Maßstabs die Antwort entscheidet. Fünf Denker, fünf Maßstäbe.
Gerechtigkeit ist nicht Tausch und nicht Nützlichkeit, sondern dass jeder das Seine tut und sich nicht in Fremdes mischt. Wie in der gesunden Seele die Vernunft herrscht, der Mut sie schützt und die Begierde gehorcht, so ist der Staat gerecht, in dem jeder den ihm gemäßen Platz ausfüllt. Wer, wie Thrasymachos, Gerechtigkeit für das Recht des Stärkeren hält, verwechselt rohe Macht mit Ordnung. Die Flöte gehört dorthin, wo sie der wohlgeordneten Stadt am besten dient — nicht dorthin, wo das lauteste Begehren sie fordert.
Gerecht heißt: jedem das ihm Gemäße, nach Würdigkeit. Die austeilende Gerechtigkeit verteilt nach Verdienst, die ausgleichende stellt im Tausch und im Unrecht die Mitte wieder her. Eine Flöte aber ist um des guten Spiels willen da — also gebührt sie dem, der am besten spielt; in seinen Händen erfüllt sie ihren Zweck. Gerechtigkeit, die auf den Sinn der Sache und die Tugend des Menschen nicht blickt, sondern bloß gleich verteilt, ist nicht Gleichheit, sondern Gleichmacherei.
Fragt nicht nach Verdienst, fragt nach Folgen. Unser Gefühl für Gerechtigkeit ist im Grunde der verfeinerte, auf alle ausgedehnte Wunsch, Schaden zu verhüten — und nichts mehrt das Glück der Welt, was nicht zugleich gerecht genannt zu werden verdient. Die Flöte gehört dem, in dessen Händen sie den größten Gewinn an Glück stiftet, sei es das arme oder das spielende Kind. Doch ich gestehe die Härte ein: Ein Nutzen, der das Recht des Einzelnen unter sich begräbt, wäre kein Fortschritt, sondern Tyrannei der Mehrheit.
Stellt euch vor, ihr müsstet die Regeln festlegen, ohne zu wissen, welches der drei Kinder ihr selbst seid — das begabte, das arme oder das fleißige. Welche Verteilung wähltet ihr dann? Gerecht sind allein die Grundsätze, denen freie und gleiche Personen unter dieser Unwissenheit zustimmen würden: gleiche Grundfreiheiten für alle, und Ungleichheiten nur dort, wo sie gerade den Schlechtestgestellten nützen. Nicht das Talent, nicht das Glück der Geburt entscheidet — beides ist unverdient —, sondern die Fairness der Ausgangslage.
Ihr streitet über das Verteilen und übergeht das Entscheidende: Wer besitzt das Holz, die Werkstatt, die Zeit zum Üben? Im Klassenstaat ist „Gerechtigkeit“ nur der schöne Schein, mit dem sich die herrschende Eigentumsordnung selbst bekränzt — ein Recht, das ungleiche Menschen mit gleichem Maß misst und die Ungleichheit so verewigt. Erst jenseits der erzwungenen Knappheit gilt der wahre Satz: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Bis dahin ist jede Verteilungsformel, auch die fairste, Ideologie.
Zusammenführung
Fünf Antworten, fünf unvereinbare Maßstäbe: Ordnung (Platon), Zweck und Verdienst (Aristoteles), Nutzen (Mill), Fairness der Ausgangslage (Rawls), Eigentum und Macht (Marx). Sens Pointe ist gerade, dass keiner ohne Weiteres „falsch“ ist — der Streit um die Flöte ist kein Streit über Tatsachen, sondern darüber, welche Frage überhaupt die richtige ist. Und keine der Positionen bleibt unwidersprochen: Platons Ordnung kann zum Käfig werden, Aristoteles' Blick auf den Zweck adelt das Talent gegen die Not, Mills Nutzen droht den Einzelnen zu überrollen, Rawls' Schleier ist eine Fiktion, hinter die niemand wirklich treten kann, und Marx' Verdacht trifft auch seine eigene Formel. Die Frage bleibt offen — und genau darin liegt ihre Würde.




