zugeschrieben: Friedrich Nietzsche
Der Satz steht in der „Götzen-Dämmerung“ (1889), in den „Sprüchen und Pfeilen“ als Nummer 8, unter der Überschrift „Aus der Kriegsschule des Lebens“. Er ist also kein Trostwort und keine Lebensregel, sondern ein Aphorismus über Härte — geschrieben von einem Mann, den Migräne, Erbrechen und tagelange Blindheit ans Bett fesselten und der elf Jahre später geistig umnachtet starb. Wer ihn als Motivationsformel zitiert, zitiert richtig und liest falsch.
Nietzsches Gedanke ist nicht, dass Leiden nützt, sondern dass eine Kultur, die jedes Leiden abschaffen will, auch die Kraft abschafft, die aus seiner Bewältigung wächst. Dahinter steht sein Grundmotiv, das amor fati: nicht das Schicksal zu ertragen, sondern es zu wollen — nichts anders haben zu wollen, vorwärts nicht, rückwärts nicht. Das ist kein Optimismus. Es ist der Versuch, ohne Hinterwelt auszukommen und trotzdem ja sagen zu können.
Als empirische Behauptung ist der Satz falsch. Was nicht umbringt, macht häufig kleiner: Die Forschung zu posttraumatischen Belastungsstörungen zeigt Erschöpfung, Rückzug und Angst als Regel, „posttraumatisches Wachstum“ als Ausnahme, die sich zudem schwer von nachträglicher Sinnstiftung trennen lässt. Adorno hat den zweiten Einwand formuliert, den gegen die Verwendung: Eine Weisheit, die das Leiden nachträglich zum Aufbauprogramm erklärt, entlastet die Verhältnisse, die es erzeugen. Aus Nietzsches Härte gegen sich selbst wird dann Härte gegen andere.
Zitat echt, Gebrauch meist falsch. Der Satz beschreibt eine Möglichkeit, keine Regel — und er stammt nicht vom Sieger, sondern von einem Schwerkranken, der um die andere Möglichkeit wusste.
Anderer Meinung? Trag den Satz im Live-Gespräch einem der Denker vor — und sieh, was er davon übrig lässt.