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Geist & MaschineKW 40 · Oktober 2026

Beinahe dasselbe

Was geht verloren, wenn Maschinen übersetzen – und hat es das, was wir zu verlieren fürchten, überhaupt je gegeben?

Am 30. September feiert die Zunft der Übersetzer ihren Schutzpatron: Hieronymus, der Überlieferung nach an diesem Tag des Jahres 420 in Bethlehem gestorben, Übersetzer der lateinischen Bibel; seit 2017 ist das Datum per UN-Resolution der Internationale Übersetzertag. Es ist der erste nach einem Herbst, in dem die Maschine bei den Buchverlagen anklopfte: Amazon übersetzt Selbstverlegern seit November 2025 ihre Bücher per KI, und bei Harlequin France sollen seit Januar die Rohfassungen einer Liebesromanreihe von der Maschine kommen. Hieronymus hatte für sein Handwerk eine Formel: nicht Wort für Wort, sondern Sinn aus Sinn. Ob eine Maschine Sinn hat, aus dem sie Sinn ausdrücken könnte — und ob der Mensch je etwas anderes hatte als Wahrscheinlichkeiten mit besserem Gewissen —, ist die Frage.

Hörfassung · KI-Stimme

In der römischen Kirche San Pietro in Vincoli sitzt ein Mann aus Marmor und trägt Hörner. Michelangelo hat ihn um 1515 für das Grabmal Papst Julius' II. gehauen, den Bart in schweren Strähnen, die Gesetzestafeln unter dem Arm, und aus dem Haar wachsen zwei kurze, stumpfe Hörner, an denen sich die Besucher seit fünfhundert Jahren die Augen reiben. Die Kunstgeschichte führt sie auf ein einziges Wort zurück. Als Mose vom Sinai herabsteigt, heißt es im zweiten Buch Mose, wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichts — und dann steht im Hebräischen ein Verb, dessen Wurzel ‚Horn‘ bedeutet und ‚strahlen‘ zugleich. Die griechische Übersetzung entschied sich für die Verherrlichung des Antlitzes. Hieronymus, der um das Jahr 400 in Bethlehem die Bibel ins Lateinische brachte, schrieb: cornuta esset facies sua — sein Gesicht sei gehörnt. Ob er das wörtlich meinte oder als Bild, darüber streiten die Gelehrten; die Bildhauer haben nicht gestritten. Vom Mittelalter an wuchsen Mose auf Kapitellen, in Handschriften und schließlich im Marmor die Hörner, die ein Übersetzer ihm gegeben hatte. Man kann das Problem, um das es hier geht, also mit eigenen Augen sehen. Es hat zwei Spitzen.

Der Heilige, dessen Todestag die Übersetzer am 30. September feiern, hat der Zunft ihren Streit gleich mitvererbt. Um 395 warf man ihm vor, einen Bischofsbrief verfälscht übersetzt zu haben, und er antwortete mit einer Verteidigungsschrift, in der der berühmteste Satz der Übersetzungsgeschichte steht: Er bekenne mit freier Stimme, non verbum e verbo, sed sensum exprimere de sensu — nicht Wort aus Wort, sondern Sinn aus Sinn auszudrücken. Cicero habe es so gehalten, Horaz habe vor dem allzu treuen Dolmetscher gewarnt, der Wort um Wort wiedergibt. Nur eine Ausnahme macht er, und in ihr steckt der ganze Ernst der Sache: die Heilige Schrift, ubi et verborum ordo mysterium est — wo auch die Ordnung der Wörter ein Geheimnis ist. Dort bleibe man beim Wort, so darf man ihn lesen, weil man nicht weiß, was man beim Umstellen zerstört. Und dort, ausgerechnet dort, wählte er das Wort, aus dem die Hörner wuchsen.

Sechzehn Jahrhunderte später hat der Satz Konkurrenz bekommen, die kein Latein braucht. Am 6. November 2025 stellte Amazon „Kindle Translate“ vor: Wer sein Buch selbst bei Kindle veröffentlicht, lässt es von der Maschine übersetzen, zwischen Englisch und Spanisch und aus dem Deutschen ins Englische, vorerst kostenlos — für Autoren, die sich nie einen Übersetzer hätten leisten können, ist das kein Angriff, sondern ein Angebot, und das ist nicht kleinzureden. Am 24. November antworteten darauf der europäische Dachverband der Literaturübersetzer, CEATL, und der European Writers' Council mit einem offenen Brief, dessen Titel man auch als Seufzer lesen kann: „Books cannot be translated in a click!“ Zwei Jahre zuvor hatte der Dachverband der Maschine bereits den Titel aberkannt: Sie sei kein Übersetzer, sondern ein „Translatoid“ — sie übersetze nicht, sie erzeuge Textmaterial. Im Dezember wurde dann öffentlich, was die Übersetzerinnen der Reihe „Azur“ bei Harlequin France, dem Liebesromanverlag aus dem Haus HarperCollins, schon im November erfahren hatten. Ab Januar 2026 liefert die Maschine die Rohfassung, eine Agentur namens Fluent Planet organisiert das Nachbessern, und das Nachbessern wird mit rund drei Cent je Wort vergütet — in der Fachübersetzung sind zehn bis fünfzehn üblich.

Was aber geht verloren, wenn die Maschine übersetzt? Umberto Eco hat sein Buch über das Übersetzen 2003 „Dire quasi la stessa cosa“ genannt — beinahe dasselbe sagen; die deutsche Ausgabe heißt „Quasi dasselbe mit anderen Worten“. Das ganze Problem steckt im Beinahe. Wenn Übersetzen immer nur beinahe gelingt, dann wäre der Verlust, den die Verbände beklagen, kein neuer, sondern der alte: Es wäre schon immer etwas liegen geblieben, und die Frage lautete nur, ob die Maschine mehr liegen lässt als der Mensch — eine Frage der Menge, nicht des Wesens. Die Klage der Zunft meint aber etwas anderes. Sie meint, dass da ein Sinn ist, den die Maschine gar nicht erst berührt, weil sie keinen hat; dass Sinn aus Sinn nicht ausdrücken kann, wer selbst keinen besitzt, sondern Wahrscheinlichkeiten verkettet. Die stärkste Gegenstimme kommt nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus Harvard, aus dem Jahr 1960, und sie verdient, zuerst gehört zu werden.

Willard Van Orman Quine stellt sich in „Word and Object“ einen Feldlinguisten vor, der eine gänzlich unbekannte Sprache übersetzen soll — ohne Wörterbuch, ohne Dolmetscher, allein aus dem, was die Sprecher tun. Ein Hase hoppelt vorbei, ein Eingeborener ruft „Gavagai“, der Linguist notiert: Hase. Aber woher weiß er das? Mit demselben Verhalten wäre verträglich, dass „Gavagai“ ‚unabgetrennter Hasenteil‘ bedeutet oder ‚Hasenphase‘, ein zeitlicher Abschnitt im Leben eines Hasen; und jede Frage, mit der der Linguist das klären könnte — ist dies derselbe Gavagai wie eben? —, setzt schon eine Übersetzung des Wortes für ‚derselbe‘ voraus, die ihrerseits unbestimmt ist. Quines Pointe ist nicht, dass Übersetzen schwierig sei. Sie lautet, dass es dazu keine Tatsache gibt: Man kann zwei vollständige Übersetzungshandbücher aufstellen, die mit allem Sprachverhalten gleich gut vereinbar sind und einander dennoch widersprechen, und nichts auf der Welt zeichnet eines als das richtige aus. Denn was sollte es sein? Bedeutungen, spottet er in einem späteren Aufsatz, seien nicht Exponate in einem Museum, an denen die Wörter als Etiketten hängen — so ungefähr, nicht wörtlich, sein Bild vom Museumsmythos. Was einem Übersetzer zugänglich ist, ist Verhalten, und mehr steht niemandem zur Verfügung, auch dem geübtesten nicht.

Für den Herbst 2025 hieße das: Hat Quine recht, dann hat die Zunft der Maschine vorgeworfen, was sie sich selbst hätte vorwerfen müssen. Es gibt keinen Sinn, der unversehrt im Original ruht und den ein Mensch treu herüberträgt, während die Maschine ihn verfehlt; es gab nie mehr als Handbücher, brauchbare und weniger brauchbare, und der Mensch war eines davon. Die Maschine macht nur sichtbar, was immer schon galt, weil ihr die Illusion fehlt, mit der man Unbestimmtheit gern für Einfühlung hält. Das lässt sich an einem Wort besichtigen, das jeder kennt. Ein englischer Satz sagt: Thank you for your message. Ins Deutsche kommt er nicht, ohne dass jemand entscheidet, ob hier „Ihre“ oder „deine“ steht — und diese Entscheidung ist im Englischen nicht enthalten, nirgends, in keiner Silbe. Wer den Satz übersetzt, fügt ihm etwas hinzu, das nicht darin war, und tut es jedes Mal, Mensch wie Maschine; beide entscheiden es aus dem, was um den Satz herum steht, und wo nichts herumsteht, raten beide. Das ist noch die harmlose Fassung des Problems, eine bloße Lücke in der Information; Quine behauptet mehr, nämlich dass auch dort, wo nichts fehlt, nichts zu finden ist. Aber schon die harmlose Fassung nimmt der Klage den Boden: Die Maschine, die aus you ein Sie macht, tut nichts, was der Mensch nicht auch täte. Sie nennt es nur nicht Urteil.

So weit die karge Landschaft, in der Quine sich nach eigenem Bekunden wohlfühlte. Sie ist bewohnbar, aber nicht umsonst. Noam Chomsky hielt ihm früh entgegen, jede Theorie sage mehr, als ihre Daten erzwingen, die Physik so gut wie die Lehre von der Bedeutung — warum ausgerechnet hier nicht bloß die Evidenz, sondern die Tatsache selbst fehlen solle, habe Quine nie gezeigt. Dahinter stehe eine Vorentscheidung, kein Befund: der Behaviorismus, der nichts gelten lässt als beobachtbares Verhalten. Und selbst wer Quine folgt, gewinnt weniger, als die Freunde der Maschine hoffen. Denn die Unbestimmtheit entlastet sie nur von dem Vorwurf, einen verborgenen Sinn zu verfehlen, den ihr ohnehin niemand ernsthaft machen sollte; sie sagt nicht, dass alle Handbücher gleich gut seien. Was fehlt, wenn eine Übersetzung schal schmeckt, wäre auch bei Quine etwas ganz Irdisches: die Passung an das, was diese Leser mitbringen — ihr Wissen, ihre Gewohnheiten, den Ton, in dem man sie anredet. Das kann ein Handbuch verfehlen, und das ist ein wirklicher, korrigierbarer Mangel. Nur ein Geheimnis ist es nicht. Die Frage, ob etwas verloren geht, ist damit nicht beantwortet, sondern an eine andere Adresse verlegt: weg vom Original, hin zu denen, die lesen.

Dort wartet Ludwig Wittgenstein, der diese Adresse als Erster angegeben hat. „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“, heißt es im Paragraphen 43 der „Philosophischen Untersuchungen“ — mit dem Vorbehalt, der meist unterschlagen wird: für eine große Klasse von Fällen, nicht für alle. Der Satz nimmt der Zunft ihr Lieblingsbild so gründlich wie Quine, nur behutsamer: Ein Wort trägt keinen inneren Gehalt, den die gute Übersetzung bewahrt und die schlechte verschüttet; es tut etwas, in einer Praxis, unter Leuten. Zugleich sagt er, was diese Praxis voraussetzt, und da wird es für die Maschine ungemütlich. „Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen“, steht im zweiten Teil desselben Buchs — nicht, weil seine Grammatik zu fremd wäre, sondern weil wir seine Lebensform nicht teilen: nicht wissen, was ihm wichtig ist, worauf seine Sätze zielen, was er mit einem Wort erreichen will. Die Übersetzungsmaschine ist, wenn man das Bild weiterdrehen darf, der umgekehrte Löwe. Sie teilt unsere Wörter vollständig — sie hat mehr davon gelesen als jeder von uns — und unsere Lebensform gar nicht. Sie weiß, welches Wort auf welches folgt; sie war nie dabei, wenn eines gebraucht wurde. Ob man das Übersetzen nennen darf, ist bei Wittgenstein keine Frage der Metaphysik, sondern die Frage, ob es in dem Spiel, das wir so nennen, Züge gibt, die sie nicht machen kann.

Einen solchen Zug gibt es, und er ist so unscheinbar, dass man ihn übersieht: sich irren können. Wittgensteins Argument gegen die private Sprache besagt, grob gesagt, dass einer Regel zu folgen heißt, zwischen ‚richtig‘ und ‚kommt mir richtig vor‘ unterscheiden zu können — und dass es diese Unterscheidung nur gibt, wo ein Kriterium außerhalb des Sprechers steht, eine Praxis, die ihm sagen kann, er habe sich vertan. Ein Sprachmodell hat in sich kein solches Außen; was ihm am wahrscheinlichsten erscheint, ist das, was es sagt. Man könnte daraus schließen, die Maschine spreche eine private Sprache in Wittgensteins Sinn, also gar keine — wären da nicht die Verträge von Harlequin France. Denn genau dieses Außen ist dort ja eingebaut worden, für drei Cent das Wort: Der Post-Editor ist die Instanz, die der Maschine sagt, dass sie sich geirrt hat; er ist Wittgensteins öffentliche Praxis, ausgelagert an eine Agentur und im Akkord bezahlt. Der Mensch verschwindet nicht aus dem Sprachspiel. Er wird zum Schiedsrichter degradiert, der nicht mehr mitspielen darf. Und die Sache hat einen zweiten Boden, den Saul Kripke 1982 freigelegt hat: Wenn ‚richtig‘ am Ende heißt, was die Gemeinschaft durchgehen lässt, gibt es zwischen wahr und für-wahr-gehalten keinen Unterschied mehr — und eine Leserschaft, die sich an Maschinenübersetzungen gewöhnt hat, hätte sie damit richtig gemacht. Die Lebensform, auf die sich die Kritik beruft, kann sich ändern. Sie tut es gerade.

Walter Benjamin hätte über diese ganze Verteidigung der Zunft die Augenbrauen gehoben, denn sie verteidigt, was ihm nie der Rede wert war. „Kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft“ — so steht es im ersten Absatz seines Vorworts zu den eigenen Baudelaire-Übertragungen von 1923, „Die Aufgabe des Übersetzers“, und der Hochmut dieses Anfangs ist gewollt. Eine Übersetzung, die dem Leser den Sinn eines Werks mitteilen will, das er im Original nicht lesen kann, ist für Benjamin die schlechte Übersetzung, kenntlich gerade an ihrer Dienstbarkeit. Die wahre hat anderes zu tun: Sie soll zeigen, wie die Sprachen zueinander stehen. Brot und pain, so sein eigenes Beispiel, meinen dasselbe, aber sie meinen es nicht auf dieselbe Weise, und in dieser verschiedenen Art des Meinens, nicht im Gemeinten, liegt, was eine Übersetzung hörbar machen kann. Darum sein Lob der Wörtlichkeit, das Hieronymus' Formel genau umkehrt: „Denn der Satz ist die Mauer vor der Sprache des Originals, Wörtlichkeit die Arkade.“ Was dabei hörbar werden soll, nennt Benjamin die reine Sprache: das, was alle Sprachen zusammen meinen und keine allein sagen kann. Daher das schönste Bild des Essays: „Die wahre Übersetzung ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht, sondern läßt die reine Sprache, wie verstärkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs Original fallen.“ Sein Urbild war Hölderlins Sophokles — jene Übersetzung, die im Deutschen so fremd blieb, dass Goethe und Schiller darüber gelacht haben sollen.

Auf die Maschine gewendet — Benjamin starb 1940, die Wendung ist unsere — ergibt das ein Urteil, das keiner der beiden Parteien gefällt. Die Maschine erfüllt, schneller und reibungsloser als je ein Mensch, genau jenes Mitteilungsideal, das Benjamin schon am menschlichen Übersetzer für die niedere Aufgabe hielt. Sie perfektioniert keine neue Armut, sondern die alte. Was an ihr verkümmert, ist nicht der Sinn, der nie zu retten war, und nicht die Seele der Sprache, sondern etwas, das sich mit dem berühmten Satz aus seinem Kunstwerk-Aufsatz benennen lässt, wenn man die Übertragung kenntlich macht: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“ Die Aura einer Übersetzung wäre die Reibung — jenes leise Zittern der Fremdheit, an dem man merkte, dass hier zwei Sprachen aneinanderstoßen und die eine die andere nicht einholt. Eine Übersetzung, die sich liest, als wäre sie nie eine gewesen, verbirgt, dass zwei Geschichten, zwei Interessen aufeinandertrafen; und das Gefährliche an ihr ist nicht der Verlust, sondern seine Unsichtbarkeit. Nur: Woran soll man erkennen, dass die reine Sprache durch die eine Übersetzung fällt und durch die andere nicht? Hier stehen Quine und Wittgenstein plötzlich Seite an Seite und fragen, welches Verhalten, welcher Gebrauch eine Übersetzung, die das Durchscheinen leistet, von einer unterscheidet, die es verfehlt — und die Antwort lautet: keines. Die reine Sprache ist ein Rad, das sich dreht, ohne dass etwas mit ihm läuft. Und Hieronymus, der Heilige des Tages, hätte den schärfsten Einwand: Benjamin gesteht der gesamten Literatur zu, was er selbst allein der Heiligen Schrift zugestand — dass auch die Ordnung der Wörter ein Geheimnis sei —, eine Sakralisierung des Wortes, der der Gott fehlt, der sie einst rechtfertigte.

Hans-Georg Gadamer, der hundertzwei Jahre alt wurde und beinahe alles erlebt hat außer dieser Debatte, würde zunächst die Frage selbst befragen, wie es seine Art war. Sie unterstellt einen Nullpunkt: einen reinen Ursinn, der vor aller Übersetzung da war und durch sie hindurch gerettet oder beschädigt wird. „Jede Übersetzung ist daher schon Auslegung“, schreibt er in „Wahrheit und Methode“, „ja man kann sagen, sie ist immer die Vollendung der Auslegung, die der Übersetzer dem ihm vorgegebenen Wort hat angedeihen lassen.“ Jede Übersetzung, die ihre Aufgabe ernst nehme, sei — so, sinngemäß, an derselben Stelle — klarer und flacher als das Original, weil Übersetzen heißt, sich zu entscheiden, wo das Original in der Schwebe bleiben durfte. Darum muss jede Generation ihren Homer, ihren Platon, ihre Bibel neu übersetzen: nicht, weil die Alten schlechter rechneten, sondern weil der Text kein Depot fertigen Sinns ist, das man nur zu öffnen brauchte. Insofern hat die Frage dieser Ausgabe eine schlichte Antwort: Das reine, unversehrte Etwas, um das man bangt, hat es nie gegeben, und auch der treueste Übersetzer war nie sein Treuhänder, sondern immer schon sein Ausleger. Bis hierhin könnte Quine unterschreiben. Dann trennen sich die Wege. Denn Verstehen ist bei Gadamer ein Geschehen zwischen zweien: Der Horizont des Textes trifft auf den Horizont dessen, der ihn liest, und beide gehen verändert aus der Begegnung hervor — das ist, was er mit Hegel Erfahrung nennt: an der eigenen Erwartung zuschanden werden und daraus etwas lernen. Eine Maschine hat keinen Horizont, den sie riskieren könnte. Sie verfügt, statistisch verdichtet, über die Sedimente unzähliger fremder Horizonte und darum, in Gadamers Sprache, über keinen eigenen; sie wird vom Text nicht angesprochen, weil ihr nichts an ihm liegen kann, und verlässt die Begegnung, wie sie in sie eingetreten ist. Was fehlt, ist nicht Treue. Es ist der Zweite.

Es ist die wärmste Antwort in dieser Reihe, und gerade deshalb verdient sie Misstrauen. Sie beschreibt eindrücklich, was beim Lesen geschieht; sie belegt nicht, dass ein Text, der ohne diese Begegnung übersetzt wurde, dem Leser schlechter dient. Der Leser hat seine Begegnung ja noch — mit dem übersetzten Text —, und ob es ihm etwas ausmacht, dass davor niemand eine hatte, ist eine empirische Frage, die Gadamer nicht stellt und die die Leserinnen der Reihe „Azur“ beantworten werden, ohne gefragt worden zu sein. Schwerer wiegt, was Jürgen Habermas ihm Ende der sechziger Jahre entgegenhielt: Wo Überlieferung immer schon als sinnstiftende Macht gilt, lässt sich nicht mehr durchschauen, dass sie auch ein Herrschaftsverhältnis sein kann. Auf die Maschine übertragen, kehrt sich Gadamers eigener Gedanke gegen die Hoffnung, sie sei neutral. Auch sie legt aus, aus Vor-Urteilen — jenen Vorannahmen, die bei Gadamer nicht Hindernis, sondern Bedingung des Verstehens sind. Nur sind es bei ihr die statistischen Vor-Urteile eines Korpus, der Durchschnitt dessen, was bisher geschrieben wurde: eine Tradition ohne Adresse, die niemand befragen und niemand zur Rede stellen kann. Gadamers Hermeneutik erklärt sehr gut, warum das unheimlich ist. Ein Kriterium, mit dem sich die verstellenden Vorurteile der Maschine von den produktiven unterscheiden ließen, liefert sie so wenig, wie sie es für die menschlichen geliefert hat.

Bleibt der Punkt, an dem sich alle Stimmen treffen, ohne ihn auszusprechen: dass eine Übersetzung eine Entscheidung ist und eine Entscheidung jemanden braucht. Friedrich Schleiermacher hat es am 24. Juni 1813 vor der Berliner Akademie in einen Satz gefasst, der bis heute jede Übersetzungstheorie sortiert: „Entweder der Übersetzer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“ Ein Drittes gebe es nicht, und aus jeder Vermischung gehe ein höchst unzuverlässiges Ergebnis hervor. Das Übertragen im Geschäftsleben, wo die Wörter wie Münzen für Sachen stehen, sei — er sagt es fast verächtlich — beinahe nur ein mechanisches Geschäft, das jeder mit mäßiger Sprachkenntnis verrichten könne; die Kunst beginne dort, wo der Gedanke erst in der Sprache Gestalt gewinnt. Man kann darin, redlicherweise, eine Entlastung der Maschine lesen: Für einen großen Teil dessen, was übersetzt wird — Verträge, Gebrauchsanweisungen, Geschäftsbriefe —, hatte schon Schleiermacher nichts anderes vorgesehen als ein mechanisches Geschäft. Und wo ein Liebesroman der Reihe „Azur“ steht, entscheidet seit dem vergangenen Winter nicht mehr die Frage, was in ihm zur Sprache kommt, sondern was seine Übersetzung kosten darf. Für alles andere aber verlangt Schleiermachers Satz eine Richtung, und eine Richtung wählt jemand.

Martin Luther hat 1530 einen ganzen Sendbrief geschrieben, um ein einziges Wort zu verteidigen, das im Griechischen nicht steht: das „allein“ in „allein durch den Glauben“, Römer 3, 28. Er wisse wohl, dass es dort fehle, schreibt er sinngemäß, aber so rede der Deutsche, wenn er das eine bejaht und das andere verneint. Man müsse, in behutsam modernisierter Schreibung, „die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen“. Ein Wort, eine Verteidigungsschrift, ein Name, der dafür haftet. Hieronymus wurde für seine Wahl der Fälschung bezichtigt und später, als Übersetzer des verdächtig gewordenen Origenes, der Ketzerei; eine Übersetzung war eine Stellungnahme, für die jemand geradestand. Das ist der Zug im Spiel, den die Maschine nicht machen kann — nicht, weil ihr Tiefe fehlte, sondern weil man sie nicht anklagen kann. Ein Translatoid haftet für nichts, fürchtet nichts, widerruft nichts. Und der Post-Editor, der für drei Cent das Wort geradesteht, steht für Entscheidungen gerade, die er nicht getroffen hat.

Die Maschine zum Bösewicht zu machen, ist nicht schwer, aber unergiebig: Sie ist nicht einmal ein Handelnder. Was die Stimmen dieser Ausgabe gemeinsam sichtbar machen, ohne es zu lösen, liegt woanders. Ein Verhalten, eine Praxis, ein Horizont, eine Richtung, eine Haftung — alles, was an einer Übersetzung wirklich verloren gehen kann, hängt an jemandem. Und die Maschine ist niemand.

Am 30. September feiert die Zunft ihren Heiligen: den Mann, der in Bethlehem ein Wort wählte, aus dem in Rom Hörner wuchsen. Man kann sie besichtigen, und man kann ihn dafür zur Rede stellen, seit sechzehnhundert Jahren, es ist oft geschehen; sein Name steht daneben. Seit Januar sollen in der Reihe „Azur“ die Entscheidungen von der Maschine fallen, Tausende kleine, du oder Sie, Glanz oder Horn, Sinn aus Sinn oder Wort aus Wort, und keine davon hat jemand getroffen. Die meisten wird niemand bemerken, und darin könnten Quine und die Verlage recht behalten: dass es nichts zu bemerken gab. Einige wird jemand für drei Cent zurechtrücken. Und irgendwo, in irgendeinem Buch, bleibt eine stehen und treibt Hörner — und es wird niemanden geben, den man fragen könnte, wer das war. Ob das ein Verlust ist, hängt davon ab, ob an einem Wort je etwas zu verantworten war. Die Zunft glaubt es und wurde nie so bezahlt, als glaubte es sonst noch jemand. Beinahe dasselbe — das Beinahe hatte bisher immer einen Namen.

Kernnoten der Denker

Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.

Willard Van Orman Quine

Quine ist der kälteste Freund der Maschine: Zu jeder Sprache ließen sich mehrere Übersetzungshandbücher schreiben, die allem Sprachverhalten gleich gut genügen und einander doch widersprechen. Eine Tatsache der Bedeutung, die dabei verloren gehen könnte, gebe es nicht. Der Einwand bleibt stehen: Dass Daten eine Theorie nie ganz festlegen, gilt überall; dass ausgerechnet bei der Bedeutung die Tatsache selbst fehle, folgt aus seinem Behaviorismus, nicht aus der Sache. Seine Wüste erklärt, warum die meisten Fehler einer Übersetzung niemand bemerkt. Warum manche, einmal bemerkt, unerträglich sind, erklärt sie nicht.

Ludwig Wittgenstein

Wittgenstein legt die Bedeutung in den Gebrauch, für eine große Klasse von Fällen, und entzieht der Klage über den verlorenen Sinn damit den Boden. Freigesprochen ist die Maschine nicht: Ihr fehlt die Lebensform, in der Wörter etwas ausrichten, und das Außen, an dem man sich irren kann. Dieses Außen lässt sich allerdings einkaufen, als Nachbesserung zu drei Cent das Wort. Und Kripkes Lesart legt die offene Flanke frei: Wenn richtig ist, was eine Gemeinschaft durchgehen lässt, kann Gewöhnung die Maschine ins Recht setzen.

Walter Benjamin

Für Benjamin war die Übermittlung von Sinn nie die Aufgabe des Übersetzers, sondern das Kennzeichen des schlechten. Die Maschine vollendet also eine alte Armut, keine neue. Was sie tilgt, ist die Reibung, an der man hört, dass zwei Sprachen einander nicht einholen. Das ist die schönste Diagnose der Ausgabe und die am schwersten überprüfbare: Woran man eine Übersetzung erkennt, durch die die reine Sprache scheint, sagt er nicht. Brauchbar bleibt sein Beharren auf Silbe und Satzbau. Das käme auch ohne Mystik aus.

Hans-Georg Gadamer

Gadamer räumt den Nullpunkt ab, um den die Klage kreist: Jede Übersetzung ist schon Auslegung, und niemand hat je einen reinen Sinn treuhänderisch verwahrt. Was er vermisst, ist ein Zweiter, der sich vom Text ansprechen lässt und verändert aus der Begegnung kommt. Die Maschine hat keinen Horizont, den sie aufs Spiel setzen könnte. Offen bleibt, ob dem Leser dadurch etwas fehlt, denn seine eigene Begegnung mit dem Text hat er noch. Und Habermas' Frage trifft beide: Woran unterscheidet man die verstellenden Vorurteile von den produktiven, bei der Maschine wie beim Menschen?

Quellen

Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.

  • Hieronymus, Epistula 57 ad Pammachium (De optimo genere interpretandi); Biblia Sacra Vulgata (um 395/396; um 390–405). Ep. 57,5: „non verbum e verbo, sed sensum exprimere de sensu“ und „ubi et verborum ordo mysterium est“; Vulgata, Exodus 34,29: „cornuta esset facies sua“primär
  • Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen (1530). WA 30 II; Verteidigung des „allein“ in Röm 3,28 (im Essay sinngemäß referiert); im Essay behutsam modernisiert: „die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen“primär
  • Friedrich Schleiermacher, Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens (Vortrag vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Berlin, 24. Juni 1813) (1813). Vortrag vom 24. Juni 1813, wieder abgedruckt u. a. in H. J. Störig (Hg.), Das Problem des Übersetzens (1963); „Entweder der Übersetzer …“ in modernisierter Orthographie; „mechanisches Geschäft“ im Essay als Paraphraseprimär
  • Walter Benjamin, Die Aufgabe des Übersetzers (Vorwort zu Baudelaire, Tableaux parisiens); Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1923; 1935/36). Gesammelte Schriften IV.1 („Kein Gedicht gilt dem Leser …“, „durchscheinend“, „Mauer … Arkade“ wörtlich; Brot/pain sinngemäß); GS I.2 (Aura-Satz wörtlich — die Übertragung auf Übersetzung ist die der Redaktion)primär
  • Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (1953 (posthum)). § 43 (Bedeutung als Gebrauch, mit dem Vorbehalt „für eine große Klasse von Fällen“), §§ 243–271 (Privatsprache; § 271 das leerlaufende Rad); Teil II, xi („Wenn ein Löwe sprechen könnte …“; neuere Zählung PPF § 327)primär
  • Willard Van Orman Quine, Word and Object; Ontological Relativity (1960; 1968). Word and Object, Kap. 2 „Translation and Meaning“ (radikale Übersetzung, Gavagai, Unbestimmtheit — nur paraphrasiert); Ontological Relativity (Bild vom Museumsmythos der Bedeutung, sinngemäß); Chomskys Einwand: „Quine's Empirical Assumptions“, in: Words and Objections, 1969primär
  • Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode (1960). Teil III, Abschnitt „Sprache als Medium der hermeneutischen Erfahrung“: „Jede Übersetzung ist daher schon Auslegung, ja man kann sagen, sie ist immer die Vollendung der Auslegung, die der Übersetzer dem ihm vorgegebenen Wort hat angedeihen lassen.“; „klarer und flacher als das Original“ ebenda, im Essay sinngemäß; Erfahrungsbegriff nach Hegel in Teil IIprimär
  • Umberto Eco, Dire quasi la stessa cosa (dt. Quasi dasselbe mit anderen Worten, 2006) (2003). nur als Titelanspielungprimär
  • UN-Generalversammlung, Resolution A/RES/71/288 „The role of professional translation in connecting nations and fostering peace, understanding and development“ (2017). verabschiedet am 24. Mai 2017; 30. September als International Translation Day; zur FIT-Gründung 1953 in Paris vgl. VdÜ, „Geschichte und Sinn des Internationalen Übersetzertages“ (literaturuebersetzer.de)sekundär
  • CEATL / European Writers' Council, „Books cannot be translated in a click!“ (offener Brief); CEATL Statement on Artificial Intelligence (2025; 2023). ceatl.eu / europeanwriterscouncil.eu, 24. November 2025; Statement vom 15. November 2023: „Machines are not translators but 'translatoids'. They do not translate; they generate textual material.“sekundär
  • Amazon / Livres Hebdo / Publishers Weekly, Meldungen zu Kindle Translate und Harlequin France (2025–2026). aboutamazon.com, 6. November 2025 (Kindle Translate: Englisch↔Spanisch, Deutsch→Englisch, zunächst kostenlos); Livres Hebdo, 16. Dezember 2025, und Publishers Weekly, Januar 2026 (Harlequin France, Reihe „Azur“: Nachbearbeitung über Fluent Planet ab Januar 2026, ca. 3 Cent je Wort)sekundär

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