Recht behalten
Hat recht, wer besser argumentiert – und woher wüssten wir überhaupt, wer besser argumentiert hat?
Seit ein paar Jahren ist das Streiten ein Bildschirmformat. In dem einen tritt einer gegen zwanzig an, und die Clips versprechen, dass jemand zerlegt wird; in dem anderen gehen sechs Menschen auf einem grün-gelben Spielfeld sichtbar einen Schritt auf ein Argument zu, das nicht ihres war. Im März ist Jürgen Habermas gestorben, der dem Streiten seinen schönsten Satz gab: den eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Ob das bessere Argument zwingt oder nur die bessere Bühne — und ob wir den Unterschied von außen überhaupt sehen könnten —, ist die Frage dieser Woche.
Zwanzig Stühle stehen im Kreis, und in der Mitte steht ein einzelner. Auf ihm sitzt, wer heute allein ist, meist einer, der vom Streiten lebt, und um ihn herum warten zwanzig, die anderer Meinung sind. Ein Timer piept, und dann laufen sie: Wer den freien Stuhl gegenüber zuerst erreicht, darf reden. Das Format heißt „Surrounded“ und stammt von dem amerikanischen YouTube-Kanal Jubilee; es ist die Reise nach Jerusalem, nur dass hier nicht die Musik entscheidet, sondern die Beine. Wer sitzt, hält dem Einzelnen sein Argument entgegen, solange der Kreis es zulässt; die anderen haben rote Fähnchen in der Hand, und sobald mehr als die Hälfte sie hebt, ist der Redner erledigt — nicht widerlegt, abgelöst. Der Nächste sprintet los. Die Ausschnitte, die davon übrig bleiben, tragen Titel, die versprechen, dass jemand zerlegt wird, und sie werden millionenfach angesehen. Ein Kreis macht mit einem Gedanken etwas Bestimmtes: Er kürzt ihn auf die Länge, die zwanzig Gegner ertragen. Die Frage war nie, ob der Einzelne recht hatte, sondern ob der Kreis ihn noch ertrug.
Ein anderes Studio, ein anderes Spiel. Sechs Menschen stehen auf einem quadratischen Feld — „13 Fragen“ heißt das Format, ein Angebot des ZDF —, und die erste Frage teilt die sechs in zwei Farben: Grün für Ja, Gelb für Nein, drei auf jeder Seite. Wer einem Argument der Gegenseite etwas abgewinnt, macht einen Schritt nach vorn; wer es abwehrt, einen Schritt zurück. Die letzten drei der dreizehn Fragen gehören einer Kompromissrunde, in der beide Seiten etwas vorschlagen müssen, das die andere annehmen könnte. Es ist ein rührend altmodisches Spiel, weil es voraussetzt, was der Kreis mit den Fähnchen ausschließt: dass ein Mensch sich vor laufender Kamera von einem Gedanken bewegen lässt, den er nicht selbst hatte. Wie oft das geschieht, darüber findet man keine Zahl, und man sollte es nicht überschätzen — mancher Schritt ist Höflichkeit, mancher Müdigkeit, und alle sind für die Kamera gemacht. Aber man sieht ihn. Ein Schritt auf einem Studioboden ist die kleinste sichtbare Einheit dessen, was seit den Sophisten, den bezahlten Redelehrern Athens, behauptet und bestritten wird: dass Gründe etwas bewegen.
Jürgen Habermas, der im März in Starnberg mit sechsundneunzig Jahren gestorben ist, hat für dieses Bewegtwerden die schönste Formel gefunden: den eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Er hat sie 1971 geschrieben, in einem Streitband mit Niklas Luhmann, seinem hartnäckigsten Gegner, und ein Jahrzehnt später war sie ein geflügeltes Wort. Ein Zwang, der zwanglos ist — man hört den Widerspruch, und man hört, dass er gewollt ist: Das bessere Argument soll uns bewegen, ohne uns zu stoßen. Ehe man ihm nachruft, lohnt es, die Frage dieser Woche auseinanderzunehmen: Sie besteht aus zwei Fragen, die sich als eine ausgeben. Gewinnt, wer besser argumentiert? Das ist eine Frage an die Lehrer der Redekunst und an die Empiriker, die Menschen zählen. Und: Hat recht, wer gewinnt? Das ist eine Frage an die Erkenntnistheorie, und sie bleibt stehen, wenn die erste längst beantwortet ist. Wer beide für eine hält, verwechselt den Sieg mit der Sache.
Die Verwechslung ist gut zweitausendvierhundert Jahre alt, und Platon hat ihr den berühmtesten aller Gastauftritte gegeben. Im Dialog „Gorgias“ tritt der größte Redner seiner Zeit auf und nennt seine Kunst, ohne jede Verlegenheit, eine Meisterin der Überredung. Sokrates fragt nach, wie Sokrates eben fragt, und zwingt ihn zu einer Unterscheidung: Es gibt eine Überredung, die Glauben erzeugt, ohne Wissen, und eine, die Wissen erzeugt — und vor Gericht und in der Volksversammlung, wo es schnell gehen muss, entsteht immer nur die erste. Gorgias stört das nicht. Er rühmt sich, Kranke zur Behandlung überredet zu haben, wo sein Bruder, der Arzt, gescheitert war — ohne selbst etwas von Heilkunst zu verstehen. Auf dem Stuhl in der Mitte wäre er unschlagbar gewesen. In diesem Satz steckt die ganze Gegenwart: Der Redner gewinnt den Patienten, der Arzt hat recht, und nur einer von beiden hat recht behalten. Die Redekunst, sagt Sokrates, verhält sich zur Rechtspflege wie die Kochkunst zur Heilkunde: Sie weiß, was schmeckt. Über die Krankheit sagt sie nichts.
Platon hat den Preis dieser Unterscheidung selbst bezahlt. Sein Lehrer stand vor den Geschworenen Athens und verlor mit der besseren Sache gegen die überzeugendere Rede; zur alten Anklage gehörte ausgerechnet der Vorwurf, er mache die schwächere Rede zur stärkeren — eine Formel, die ihm die Komödie des Aristophanes angehängt hatte. Der Mann, der die Überredung verlor, starb als ihr angeblicher Meister. Woher wir also wüssten, wer besser argumentiert hat? Von der Menge am wenigsten, antwortet Platon, sie hat das Ihre gezeigt. Recht hat, wessen Rede das geduldige Verhör übersteht, das er Dialektik nennt: Frage um Frage, bis eine Behauptung sich in Widersprüche verwickelt oder stehen bleibt. Und am Ende dieses Verhörs sitzt ein Richter, der nicht Menschen befragt, sondern die unveränderlichen Muster hinter den Dingen sieht — das, was Platon Ideen nennt. Es ist die strengste Antwort auf unsere Frage und die unbrauchbarste, denn wer den Beifall als Maßstab verwirft, braucht einen anderen, und Platons anderer sind die wenigen, die wissen: ein Richter, den seither selten jemand angetroffen hat.
Im Jahrhundert Hegels hat Arthur Schopenhauer die Verwechslung in ein Handbuch verwandelt, mit der Bosheit dessen, der sie durchschaut. Seine „Eristische Dialektik“, um 1830 geschrieben und erst nach seinem Tod gedruckt, bestimmt ihren Gegenstand im ersten Satz als die Kunst zu disputieren, und zwar so zu disputieren, dass man Recht behält — per fas et nefas, mit erlaubten wie unerlaubten Mitteln. Recht haben und Recht behalten sind bei ihm zwei Geschäfte, die sich nur zufällig berühren: Die Wahrheit eines Satzes ist eine Sache, seine Billigung durch die Streitenden eine andere. Warum wir dennoch so verbissen recht behalten wollen, erklärt er nicht aus der Vernunft, sondern zuerst aus der natürlichen Schlechtigkeit des Menschengeschlechts und dann aus dessen Eitelkeit, Geschwätzigkeit und Unredlichkeit. Dazu liefert er achtunddreißig Kunstgriffe, mit denen die schwächere Sache zur stärkeren wird: die Behauptung des Gegners ausdehnen, bis sie bricht; ihn zum Zorn reizen; und zuletzt, wenn nichts mehr hilft, persönlich werden — ein Griff, der auf diesen Seiten schon einmal Thema war, beim Spruch vom Schwein, mit dem man nicht ringen soll. Und dann stolpert man über eine Erinnerung: In Berlin legte er seine Vorlesung in dieselbe Stunde wie Hegel und las vor leeren Bänken, während nebenan der Saal überquoll. Er hat daraus geschlossen, dass der Beifall der Menge nichts beweist — was zufällig stimmt, aber aus einer Kränkung nicht folgt.
Eine Antwort darauf, woher wir es besser wüssten, gibt er nicht; aus seiner Trennung von Logik und Dialektik lässt sich aber eine bauen. Die Logik, sagt er, lässt sich am Schreibtisch aufstellen; die Dialektik lernt man nur aus der Erfahrung, wie Menschen streiten. Wer wissen will, wer recht hat, müsste demnach den Streit verlassen und die Behauptung einsam prüfen, an der Erfahrung, an der Folgerichtigkeit, ohne Publikum. Es ist die Auskunft eines Mannes, der die leeren Bänke zum Ort der Erkenntnis erklärt hat — der schärfste Beobachter des Streits und sein schwächster Zeuge. Platon und Schopenhauer sagen beide Nein zur zweiten Frage: Recht hat nicht, wer gewinnt. Ob das bessere Argument überhaupt jemanden bewegt, lassen beide offen.
Hier hilft die Empirie, und sie hilft undramatisch. Lange galt als ausgemacht, dass Menschen sich von Gegenargumenten nicht bewegen, sondern verhärten lassen — der Backfire-Effekt: Wer widerlegt wird, glaubt hinterher fester. Zwei amerikanische Politikwissenschaftler haben das an über zehntausend Menschen und zweiundfünfzig aufgeladenen Streitfragen geprüft und den Effekt kein einziges Mal gefunden; der alte Befund lag zum Teil daran, wie gefragt worden war. Ein dritter hat dreiundzwanzig Experimente zusammengetragen und das Ergebnis in einen Buchtitel gefasst, der wie eine Antwort auf beide Studios klingt: „Persuasion in Parallel“ — Überzeugung, parallel. Fast alle Gruppen, Anhänger wie Gegner einer Position, rücken ein Stück in Richtung der neuen Information — ein paar Zentimeter, parallel. Niemand springt über das Feld, niemand wechselt die Farbe; aber alle rücken. Auf dem grün-gelben Boden hieße das: keine Bekehrung, ein Schritt. Den Zynikern ist das zu viel und den Missionaren zu wenig; die Zahlen kümmert das nicht.
Aber wer bewegt sich da, und wovon? Die kühnste Antwort der letzten Jahre stammt von Hugo Mercier und Dan Sperber. Die Vernunft, sagen sie, sei gar nicht dafür gemacht, dass ein Einzelner in seinem Kopf die Wahrheit findet; sie sei entstanden, damit wir andere überzeugen und die Überzeugungsversuche anderer prüfen können. Deshalb sind wir in eigener Sache geschickte Anwälte und miserable Richter — wir finden Gründe für das, was wir ohnehin glauben, und übersehen ihre Schwächen mit schlafwandlerischer Sicherheit. Nietzsche hatte das den Philosophen schon vorgehalten: Sie verteidigten einen vorweggenommenen Einfall „mit hinterher gesuchten Gründen“ und seien „Fürsprecher ihrer Vorurtheile, die sie ‚Wahrheiten‘ taufen“. Die Psychologie nennt das Rationalisierung. Widerlegt ist damit freilich noch kein einziges Argument: Wie jemand zu seiner Überzeugung kam, sagt nichts darüber, ob sie trägt — auch der Mathematiker vermutet zuerst und beweist danach, und der Beweis gilt trotzdem. Prüfen wir dagegen fremde Gründe, sind wir erstaunlich treffsicher. Ein altes Rätsel der Psychologie zeigt, was das heißt. Vier Karten liegen auf dem Tisch, jede trägt auf der einen Seite einen Buchstaben, auf der anderen eine Zahl; zu sehen sind E, K, 4 und 7. Die Regel lautet: Steht vorn ein Vokal, steht hinten eine gerade Zahl. Welche Karten muss man umdrehen, um die Regel zu prüfen? Einzeln lösen es neun von hundert; die meisten drehen die 4 um, die nichts beweisen kann, und lassen die 7 liegen, die alles widerlegen könnte. Als zwei Psychologen hundertdreiundvierzig Studierende teils allein, teils in Gruppen von fünf oder sechs an dieselbe Aufgabe setzten, kamen die Gruppen auf siebzig Prozent — nicht, weil die Klügste vorsagte, sondern weil eine Lösung, einmal ausgesprochen, leichter zu erkennen ist als zu finden. Die Vernunft wohnt zwischen den Köpfen. Was der Einzelne nicht kann, kann er zu sechst, sofern die sechs einander widersprechen dürfen.
Sofern — an diesem Wort hängt alles. Aus Mercier und Sperber lassen sich, ohne dass sie es so aufgeschrieben hätten, vier Bedingungen ablesen. Es braucht eine echte Meinungsverschiedenheit, sonst prüft niemand. Es braucht Chancen, die einigermaßen gleich verteilt sind, Menschen, die nachgeben können, ohne das Gesicht zu verlieren, und Zeit, ein Argument zu prüfen, statt es nur zu spüren. Nun stelle man einen Menschen in den Kreis der zwanzig Stühle und lasse ihn ein Argument gelten. Der Timer piept, die Kamera sieht ihn nicken, und zwanzig Gegner haben soeben gelernt, dass er zu schlagen ist; nachgeben heißt hier nicht, klüger geworden zu sein, sondern den Stuhl zu räumen. Der Kreis ist eine Maschine, die genau das bestraft, worauf der Gewinn des Streitens beruht. Das grün-gelbe Feld dreht die Anreize um: Dort ist der Schritt nach vorn der Sinn des Spiels, er kostet ein wenig Stolz und bringt einen Augenblick Aufmerksamkeit, und die letzten drei Fragen zwingen beide Seiten, etwas anzubieten. Auch dieses Feld ist eine Bühne, ein Schritt unter Scheinwerfern ist schneller getan als ein Gedanke; aber die Richtung stimmt. Nur eines der beiden Formate belohnt, was die Vernunft nach Mercier und Sperber am besten kann: prüfen, was ein anderer sagt.
Man sehe sich den Augenblick genau an. Jemand auf der gelben Seite hört jemandem auf der grünen zu, zögert und macht den Schritt. Es ist nicht viel. Es ist keine Beweisführung, kein Sieg, keine Bekehrung. Es ist die kleinste Bewegung, die ein Grund auslösen kann, und sie geschieht vor Zeugen — und auf den Zeugen hätte Habermas bestanden.
Denn genau hier beginnt seine Idealisierung, und sie verdient eine Prüfung statt einer Verbeugung. Habermas hat den zwanglosen Zwang nie als Beschreibung gemeint. Er gilt unter Bedingungen, die er die ideale Sprechsituation nannte: Jeder darf mitreden, jede Behauptung darf bezweifelt werden, und nichts entscheidet außer dem Argument. Diese Bedingungen sind kontrafaktisch, in keinem Studio und keinem Parlament je erfüllt — und dennoch, sagt Habermas, unterstellt sie jeder, der ernsthaft argumentiert. Wer behauptet, es gebe kein besseres Argument, verlangt für diese Behauptung, dass man sie als das bessere Argument gelten lässt; der Zweifler widerspricht sich im Vollzug. Das ist elegant, und es trägt weniger, als es scheint. Liest man Mercier und Sperber neben Habermas, sieht die ideale Sprechsituation weniger wie eine Mitgift aus, die jeder Sprecher mitbringt, als wie ein Glücksfall der Umstände: sechs Menschen, keiner am längeren Hebel, genug Zeit — eine Sendung, die man auch absetzen kann. Niklas Luhmann, sein Gegner in jenem Streitband, hielt sie für wirklichkeitsfremd; man könnte seinen Einwand so zuspitzen: eine Fiktion, die ihre eigene Unwirklichkeit zur Tugend erklärt. Habermas selbst hat später eingeräumt, dass bei Tatsachenfragen, anders als bei Fragen des Richtigen, ein Konsens allein keinen Satz wahr macht — die Welt leistet Widerstand. Was bleibt, ist ein Versprechen, kein Befund: Das bessere Argument zwingt, wo nichts anderes zwingen darf. Jedes rote Fähnchen bricht es ein wenig.
Karl Popper hätte an dieser Stelle den Beifall verboten und die Widerlegung erlaubt. Sein Leben lang hat er auf einer Asymmetrie bestanden: Tausend bestätigende Fälle beweisen einen allgemeinen Satz nicht, ein einziger stichhaltiger Gegenfall bringt ihn zu Fall. Für den Streit heißt das: Besser argumentiert nicht, wer die eigene These am schönsten stützt, sondern wer am ernsthaftesten nach ihrer Widerlegung sucht und sie übersteht — vorläufig, widerruflich, nie endgültig. Bestätigung ist billig, wer sie sucht, findet sie überall; der Kreis der zwanzig Stühle ist eine Fabrik für Bestätigung, in der jeder gegen jeden recht behält und niemand etwas riskiert. In einem Aufsatz nennt Popper es einen Mythos, dass ein fruchtbares Gespräch einen gemeinsamen Rahmen voraussetze, also geteilte Grundannahmen und ein gemeinsames Vokabular; gerade zwischen sehr verschiedenen Rahmen — dem Einen und den Zwanzig, wenn man so will — seien die Gespräche die fruchtbarsten, auch wenn sie selten mit Einigung enden. Der Wert des Streits liegt für ihn nicht darin, dass am Ende einer nachgibt, sondern darin, dass beide hinterher wissen, wo ihre Sätze brechen könnten. Das ist eine Antwort auf die zweite Frage, die ohne Beifall auskommt. Sie hat nur einen Haken, und Popper kannte ihn.
Der Haken ist so alt wie das Begründen. In der „Logik der Forschung“ griff Popper ein Trilemma auf, das er bei einem Kantianer des frühen neunzehnten Jahrhunderts fand: Wer jeden Satz begründen will, landet beim Dogma, im unendlichen Regress oder bei der bloßen Gewissheit der eigenen Wahrnehmung. Poppers Mitstreiter Hans Albert hat es später zugespitzt und nach dem Baron benannt, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog; bei ihm steht an der Stelle der Wahrnehmung der Zirkel. Jede Letztbegründung — ein Grund, der keinen weiteren mehr braucht — endet demnach im Regress, im Zirkel oder im Abbruch, und der Abbruch ist nur ein Dogma mit guten Manieren. Das trifft auch den zwanglosen Zwang. Dass das bessere Argument zwingen soll, lässt sich nicht selbst durch ein besseres Argument erzwingen; irgendwo muss man anfangen, und wo man anfängt, steht kein Beweis, sondern eine Entscheidung. Nur — und hier wird aus dem Trilemma gern ein Freibrief — folgt daraus nicht, dass alle Argumente gleich gut wären. Dass jeder Weg an einem gewählten Punkt beginnt, heißt nicht, dass alle Wege gleich weit führen; die Karten der Wason-Aufgabe liegen nach dem Gespräch richtig oder falsch, gleichgültig, auf welche Prämissen die Gruppe sich geeinigt hat. Das Trilemma entlässt den Richter, nicht den Unterschied.
Woher wir also wüssten, wer besser argumentiert hat? Nehmen wir einen einzigen Schritt auf einem Studioboden und sehen zu, was er trägt. Er beweist nicht, dass der andere recht hatte; das führt der Kreis mit den roten Fähnchen vor. Aber er ist auch nicht nichts: Er geschieht, klein und parallel. Und ob er aus dem richtigen Grund geschah, aus Einsicht und nicht aus Höflichkeit, Müdigkeit oder Kamera, sieht man ihm von außen nicht an. Man sieht nur, ob die Bedingungen da waren, unter denen er aus Einsicht geschehen konnte: ob jeder Einwand noch zugelassen war oder schon einer zum Schweigen gebracht. Mehr hat auch Habermas nicht versprochen. Sein zwangloser Zwang war nie eine Beschreibung von Studios, sondern ein Konjunktiv — was gälte, wenn nichts anderes gälte —, und er hat diese Schwebe ein Leben lang bewohnt, ohne sie aufzulösen, weil sie sich nicht auflösen lässt. Wer ihn jetzt zitiert, und wir können ihn seit März nur noch zitieren, sollte den Konjunktiv mitzitieren. Der Stuhl in der Mitte bleibt besetzt. Die Fähnchen gehen hoch. Und irgendwo, auf einem grün-gelben Feld, hört jemand zu, zögert und macht einen Schritt, von dem niemand, auch er selbst nicht, mit Sicherheit sagen kann, warum.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
Für Platon beweist Beifall nichts. Überredung kann Glauben erzeugen, ohne Wissen zu erzeugen, und vor Gericht und Volksversammlung erzeugt sie meist nur Glauben. Recht hat, wessen Behauptung dem geduldigen Fragen standhält, bis sie sich in Widersprüche verwickelt oder stehen bleibt. Das ist die strengste Antwort der Ausgabe, und sie hat einen Preis: Sie verlangt Wissende als Richter und sagt nicht, wo man sie findet.
Schopenhauer trennt Recht haben von Recht behalten und schreibt für das zweite ein Handbuch mit achtunddreißig Kunstgriffen. Den Grund sucht er nicht in der Vernunft, sondern in Eitelkeit und Unredlichkeit: Der Verstand dient bei ihm dem Willen, er richtet nicht über ihn. Seine Diagnose des Streits ist die schärfste der Ausgabe. Eine Auskunft, woran man den Besseren erkennt, gibt er nicht; man muss sie aus seiner Trennung von Logik und Dialektik erst bauen.
Für Mercier und Sperber ist die Vernunft ein soziales Werkzeug: entstanden, um andere zu überzeugen und ihre Überzeugungsversuche zu prüfen. Beim eigenen Argument sind wir parteiisch, beim fremden erstaunlich treffsicher; darum denken Gruppen, die einander widersprechen dürfen, oft besser als Einzelne. Die Theorie erklärt, warum Argumente wirken. Warum sie gelten sollten, erklärt sie nicht.
Habermas misst Argumente an einer Lage, die es nirgends gibt: Alle dürfen mitreden, alles darf bezweifelt werden, und nur das Argument zählt. Wer ernsthaft argumentiert, unterstellt diese Lage, sagt er, auch wenn er sie bestreitet. Ob ein Maßstab noch misst, den nie jemand erfüllt, bleibt offen. Für Tatsachenfragen hat er selbst eingeräumt, dass Einigkeit allein nichts wahr macht.
Popper verlegt die Frage vom Gewinnen aufs Scheitern: Tausend Bestätigungen beweisen einen Satz nicht, ein stichhaltiger Gegenfall widerlegt ihn. Besser argumentiert, wer die eigene These am ernsthaftesten angreifen lässt, und am fruchtbarsten streiten Menschen, die wenig gemeinsam voraussetzen. Seine Antwort kommt ohne Beifall aus, aber auch ohne letzten Grund. Sie sagt, wie man lernt, wer unrecht hat, nicht, wer recht behält.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Jürgen Habermas, Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz; Wahrheitstheorien; Theorie des kommunikativen Handelns (1971; 1973; 1981). Erstbeleg der Formel „der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments“: in Habermas/Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp, S. 101–141, hier S. 137. Wiederaufnahme in „Wahrheitstheorien“, in: H. Fahrenbach (Hg.), Wirklichkeit und Reflexion, Neske, Pfullingen, S. 211–265; geflügeltes Wort durch die Theorie des kommunikativen Handelns, Suhrkamp, Bd. 1 (Seitenangabe nicht verifiziert)
- Platon, Gorgias; Apologie des Sokrates (4. Jh. v. Chr.). Gorgias 453a (Meisterin der Überredung), 454e–455a (Überredung mit und ohne Wissen), 456b (Gorgias und sein Bruder, der Arzt), 464b–465e (Redekunst als Schmeichelkunst; 465c: wie die Kochkunst zur Heilkunde, so die Redekunst zur Rechtspflege); Apologie 18b, 19b–c (der alte Vorwurf, die schwächere Rede zur stärkeren zu machen, und der Verweis auf Aristophanes’ „Wolken“). Dieselbe Formel schreibt Aristoteles, Rhetorik II 24, 1402a23, dem Protagoras zu. Alles paraphrasiert nach der Übersetzung Schleiermachers
- Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik. Die Kunst, Recht zu behalten (um 1830/31, postum 1864). Erstdruck 1864 durch Julius Frauenstädt (Volltext Projekt Gutenberg); Eingangsdefinition „die Kunst zu disputiren, und zwar so zu disputiren, daß man Recht behält, … also per fas et nefas“; Einleitung zur Trennung von objektiver Wahrheit und Billigung der Streitenden, zur „natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts“, Eitelkeit, Geschwätzigkeit und Unredlichkeit sowie zu Logik (a priori) und Dialektik (aus Erfahrung); Kunstgriffe 1 (Erweiterung), 8 (Zorn reizen), 38 (persönlich werden). Schopenhauers „Antwort“ im Essay ist aus dieser Trennung gebaut, nicht sein Wortlaut
- Karl R. Popper, Logik der Forschung (1934). § 25: das auf Jakob Friedrich Fries zurückgehende Trilemma (Dogmatismus, unendlicher Regress, Psychologismus); Asymmetrie von Bestätigung und Widerlegung
- Karl R. Popper, The Myth of the Framework. In Defence of Science and Rationality (1965 verfasst, 1976 gedruckt, Buch 1994). hg. von M. A. Notturno, Routledge; Titelaufsatz: Es sei ein Mythos, dass fruchtbare rationale Diskussion einen gemeinsamen Rahmen voraussetze; Gespräche zwischen sehr verschiedenen Rahmen seien die fruchtbarsten, auch ohne Einigung. Die Anmerkung nennt den Text „prepared in 1965“; ein Vortrag ist nicht gesichert
- Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft (1968). Mohr Siebeck, Tübingen, Kap. I: das Münchhausen-Trilemma (unendlicher Regress, Zirkel, Abbruch des Begründungsverfahrens)
- Hugo Mercier & Dan Sperber, Why Do Humans Reason? Arguments for an Argumentative Theory; The Enigma of Reason (2011; 2017). Behavioral and Brain Sciences 34(2), S. 57–74; Harvard University Press 2017. Vernunft als argumentative Fähigkeit, Myside-Bias beim eigenen, Treffsicherheit beim fremden Argument, „truth wins“ bei demonstrierbaren Lösungen. Die vier Bedingungen im Essay sind eine Verdichtung der Redaktion, keine Liste der Autoren
- David Moshman & Molly Geil, Collaborative Reasoning: Evidence for Collective Rationality (1998). Thinking & Reasoning 4(3), S. 231–248; Wason-Auswahlaufgabe, 143 Studierende (32 einzeln, 20 Gruppen à 5–6); einzeln rund 9 %, interagierende Gruppen rund 70 % richtig — nach den Autoren echtes gemeinsames Schließen, nicht Nachahmung
- Thomas Wood & Ethan Porter, The Elusive Backfire Effect: Mass Attitudes’ Steadfast Factual Adherence (2019). Political Behavior 41, S. 135–163; fünf Experimente, über 10.000 Teilnehmende, 52 Streitfragen, kein Backfire-Effekt; der ältere Befund zum Teil abhängig von der Frageformulierung
- Alexander Coppock, Persuasion in Parallel: How Information Changes Minds about Politics (2022). University of Chicago Press; Synthese aus 23 randomisierten Survey-Experimenten: nahezu alle Gruppen bewegen sich graduell in dieselbe Richtung, Backfire selten bis inexistent
- ZDF / unbubble; Jubilee Media, 13 Fragen (Formatbeschreibung „Wie entsteht 13 Fragen?“, ZDF-Presseportal); Surrounded (Webserie) (2020–2026). 13 Fragen: seit 15.9.2020 bei ZDFkultur, seit 11.5.2022 auf dem YouTube-Kanal unbubble; sechs Gäste, Grün = Ja, Gelb = Nein, Schritt vor bei Zustimmung zur Gegenseite, zurück bei Ablehnung, die letzten drei Fragen als Kompromissrunde; keine belegte Statistik zu Positionswechseln. Surrounded: eine Person gegen etwa 20–25, Sprint zum Debattiersitz, Ablösung, sobald mehr als die Hälfte die rote Fahne hebt (Wikipedia „Surrounded (web series)“, deliberativecitizenship.org)
- Suhrkamp Verlag, Zum Tod von Jürgen Habermas (Trauermeldung) (2026). suhrkamp.de; gestorben am 14. März 2026 in Starnberg, 96-jährig; ebenso ZDFheute, ORF, evangelisch.de
- Niklas Luhmann, Systemtheoretische Argumentationen. Eine Entgegnung auf Jürgen Habermas (1971). in: Habermas/Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Suhrkamp; im Essay als zugespitzte Deutung, nicht als Wortlaut
- Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze (1999). Suhrkamp; Revision der Konsenstheorie der Wahrheit für Tatsachenfragen (im Essay sinngemäß)
- Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse (1886). Erstes Hauptstück, § 5: „mit hinterher gesuchten Gründen vertheidigt“; „verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile, die sie ‚Wahrheiten‘ taufen“
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