Kann ein Fluss klagen?
Kann Natur Träger von Rechten sein – oder verwechseln wir Schutz mit Personifizierung?
Im Mai dieses Jahres saß zum ersten Mal in der europäischen Rechtsgeschichte ein Gewässer als Geschädigte im Gerichtssaal: Die Lagune Mar Menor, seit 2022 spanische Rechtsperson, tritt in Cartagena im „Caso Topillo“ gegen einen Agrarunternehmer auf, für den die Staatsanwaltschaft wegen illegaler Einleitungen sieben Jahre Haft fordert. Fast zeitgleich liegt im französischen Senat ein Gesetzentwurf, der der Seine Rechtspersönlichkeit verleihen will, in Berlin proben Juristen dasselbe für die Spree, und eine Europäische Bürgerinitiative „Rights for Nature“ sammelt ab Herbst Unterschriften. Kann ein Fluss klagen – oder klagen da nur wir, mit verstellter Stimme?
Man muss sich die Szene einen Augenblick lang wirklich vorstellen: ein Gerichtssaal in Cartagena, die fünfte Kammer der Audiencia Provincial, Roben, Aktenberge, das übliche Halbdunkel der Justiz – und unter den Klägern eine Lagune. Das Mar Menor, Europas größte Salzwasserlagune, einst türkis und postkartenschön, dann umgekippt unter den Nitraten der Gemüsefelder, tote Fische zu Tausenden am Ufer, tritt als Geschädigte auf, vertreten durch seine gesetzlichen Hüter. Rund 640.000 Spanier hatten per Volksinitiative das Gesetz erzwungen, das der Lagune 2022 eigene Rechte gab; das Verfassungsgericht bestätigte es 2024 und prägte dabei eine Formel, die klingt wie ein Kompromiss aus dem Maschinenraum der Moderne: „gemäßigter Ökozentrismus“. Neuseeland war 2017 vorangegangen, als es den Whanganui zur Rechtsperson erklärte – Te Awa Tupua, mit zwei menschlichen Gesichtern, die für ihn sprechen, eines vom Staat benannt, eines vom Volk der Māori, das nie aufgehört hatte, den Fluss als Vorfahren zu begreifen. Was dort aus jahrhundertealter Verwandtschaft kam, kommt bei uns aus der Verzweiflung der Messwerte.
Der Einwand liegt auf der Hand, und er wird gern im Amtston des gesunden Menschenverstands vorgetragen: Ein Fluss will nichts, weiß nichts, leidet nicht – wie sollte er Träger von Rechten sein? Nur ist die Rechtsperson seit jeher eine Kunstfigur, eine der folgenreichsten Fiktionen, die sich der Mensch je erlaubt hat. Aktiengesellschaften klagen täglich, Stiftungen erben, Staaten schließen Verträge, und niemand hat je eine GmbH weinen sehen. Wer der Lagune die Personwürde verweigert, weil sie kein Bewusstsein hat, müsste sie konsequenterweise auch dem Konzern verweigern, der sie vergiftet hat – und genau an dieser Asymmetrie entzündet sich die Bewegung: Warum darf das Kapital eine Person sein, das Wasser aber nicht? Die Frage ist also weniger, ob das Recht Fiktionen verträgt, sondern welche es sich leisten will.
Baruch de Spinoza hätte über die Prozessform vermutlich gestaunt, über den Gedanken dahinter nicht. Deus sive Natura: Für ihn ist die Natur keine Kulisse und kein Rohstofflager, sondern die eine, einzige Substanz, deren vorübergehende Falten wir alle sind – der Richter, der Angeklagte, die Lagune, alle Modi desselben Unendlichen, und jedes Ding strebt danach, in seinem Sein zu beharren. Wer so denkt, kennt keinen ontologischen Adel, der den Menschen über das Wasser stellte; die Trennung von Person und Sache verläuft mitten durch dieselbe Substanz und ist darum verdächtig. Freilich, die Ironie gehört dazu: Recht war für Spinoza schlicht Macht, so weit reichend wie das Vermögen eines Wesens, und Rücksicht auf Tiere hielt er für weibische Sentimentalität. Dass seine Substanzlehre einmal Flüsse vor Gericht bringen würde, ist ein Erbe, das erst die Tiefenökologie des zwanzigsten Jahrhunderts angetreten hat – gegen manche Absicht des Erblassers.
Dann erhebt sich, man sieht ihn förmlich die Perücke richten, der Gegenanwalt aus Königsberg. Für Kant hat nur das Vernunftwesen Würde; alles andere hat einen Preis, und was einen Preis hat, ist Sache, nicht Person – tauschbar, nutzbar, kein Zweck an sich selbst. Ein Fluss kann nicht Träger von Rechten sein, weil er nicht Träger von Pflichten sein kann; er verspricht nichts, bricht nichts, bereut nichts. Und doch ist Kant kein Zyniker der Ausbeutung: Wer mutwillig zerstört, was schön ist, oder Tiere quält, verletzt nach ihm eine Pflicht gegen sich selbst, weil er das eigene moralische Gefühl verroht – die Natur wird geschützt, aber um unseretwillen. Genau hier sitzt der Stachel der Gegenwartsdebatte: Verwechseln die neuen Gesetze Schutz mit Personifizierung, projizieren sie ein Gesicht auf das Wasser, wo strengere Grenzwerte genügt hätten? Oder ist umgekehrt die kantische Sortierung – hier Personen, dort Sachen – selbst das Denkmal eines Zeitalters, das die Welt für sein Inventar hielt?
Bruno Latour, der 2022 starb und diese Prozesse mit diebischer Freude verfolgt hätte, hielt die ganze Alternative für falsch gestellt. Sein „Parlament der Dinge“ beruht auf einer nüchternen Beobachtung: Die Nichtmenschen sitzen längst mit am Tisch – als Nitratwert, als Fischsterben, als kippendes Klima –, nur haben wir ihnen nie Sitze eingeräumt, sondern sie als stumme Kulisse verbucht. Sprechen kann die Lagune nicht, gewiss; aber sprechen kann streng genommen auch kein Wahlvolk ohne seine Abgeordneten, kein Unternehmen ohne seinen Syndikus – alles Repräsentation, überall Sprecher, die Frage ist nur, wie redlich übersetzt wird. Die Hüter des Mar Menor, die Wissenschaftler mit ihren Messreihen, die Anwälte der Seine: Sie sind exakt jene Übersetzerfiguren, die Latour forderte, Diplomaten zwischen den Wasserständen und den Paragraphen. Dass sie irren können, dass durch ihren Mund immer auch Menschliches spricht, wusste er – nur galt ihm das nicht als Einwand, sondern als Normalfall aller Politik.
Vielleicht ist es so: Der Fluss braucht seine Rechte nicht, er kennt sie nicht einmal; er würde auch ohne Grundbucheintrag weiterfließen oder eben sterben. Die Rechte braucht die Gegenseite – wir, die wir offenbar erst dann zuverlässig hinhören, wenn jemand klagen kann, wenn Betroffenheit eine Akte bekommt und einen Termin. Man kann darin eine Selbsttäuschung sehen, ein Bauchreden mit ökologischem Echo, und der Verdacht verdient es, wachgehalten zu werden. Man kann darin aber auch das Eingeständnis erkennen, dass unsere alte Sortierung der Welt in sprechende Subjekte und schweigende Objekte nicht mehr trägt, seit die Objekte zurückschlagen. In Cartagena wird nun verhandelt, jahrelang vermutlich, mit Gutachten und Revisionen, und die Lagune schweigt dazu, wie sie immer geschwiegen hat. Aber es ist, zum ersten Mal, ein Schweigen mit Anwalt.
Kernnoten der Denker
Was jeder von ihnen zu dieser Frage beizutragen hat.
Deus sive Natura: Für Spinoza ist die Natur keine Sache unter Sachen, sondern die eine Substanz, deren Modi alle Dinge sind – auch ein Fluss strebt danach (conatus), in seinem Sein zu beharren. Recht bedeutete ihm allerdings schlicht Macht; die ökologische Lesart seiner Substanzlehre ist ein Erbe, das erst die Tiefenökologie um Arne Naess angetreten hat.
Würde kommt für Kant nur Vernunftwesen zu; alles andere hat einen Preis und ist Sache, nicht Person – ein Fluss kann kein Rechtssubjekt sein, weil er kein Pflichtensubjekt sein kann. Naturschutz kennt Kant gleichwohl als indirekte Pflicht: Wer Natur mutwillig zerstört oder Tiere quält, verroht sein eigenes moralisches Gefühl und verletzt damit eine Pflicht gegen sich selbst.
Latour forderte ein „Parlament der Dinge“: Nichtmenschen wirken längst in unseren Konflikten mit und brauchen Sprecher – Wissenschaftler, Anwälte, Hüter –, die ihre Betroffenheit übersetzen, so wie jede Repräsentation übersetzt. Die Frage ist für ihn nicht, ob Natur sprechen kann, sondern wie redlich wir sie vertreten.
Quellen
Geprüfte Primär- und Sekundärquellen, auf die sich dieser Artikel stützt.
- Baruch de Spinoza, Ethik, in geometrischer Ordnung dargestellt (1677). Teil I (Deus sive Natura); Teil III, Lehrsatz 6 (conatus)
- Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797). Tugendlehre, § 17 — Zerstörung des Schönen in der Natur und Tierquälerei als Verletzung einer Pflicht gegen sich selbst
- Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie (frz. Politiques de la nature) (1999 (dt. 2001)). Konzept der Sprecher und der Repräsentation von Nichtmenschen
- Königreich Spanien, Ley 19/2022 — Rechtspersönlichkeit der Lagune Mar Menor (2022). BOE Nr. 237 vom 3. Oktober 2022; bestätigt durch das spanische Verfassungsgericht 2024 (Formel des gemäßigten Ökozentrismus)
- Neuseeland, Te Awa Tupua (Whanganui River Claims Settlement) Act (2017). Rechtspersönlichkeit des Whanganui; Hüter-Modell Te Pou Tupua
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