Problem
Das Münchhausen-Trilemma
Lässt sich überhaupt irgendetwas letztbegründen?
Jede Behauptung, die ernst genommen werden will, verlangt nach einem Grund – doch dieser Grund verlangt seinerseits nach einem Grund, und so fort. Wer diese Kette der Begründungen zu Ende denken will, sieht sich, wie es der Philosoph Hans Albert in Anlehnung an die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen formulierte, vor drei gleichermaßen unhaltbare Auswege gestellt: Entweder begründet man endlos weiter und gerät in einen unendlichen Regress, oder man dreht sich im Kreis, indem man am Ende das voraussetzt, was man beweisen wollte, oder man bricht das Verfahren an einer beliebigen Stelle einfach ab und erklärt einen Satz zum Fundament, das selbst nicht mehr begründet wird. Keiner dieser drei Wege gewährt, was die abendländische Vernunft seit jeher ersehnte: eine Letztbegründung, einen archimedischen Punkt, der allem Wissen sicheren Halt gäbe, ohne sich selbst auf weicheren Grund zu stützen. Die Falle ist eine begriffliche und nicht bloß eine praktische: Sie betrifft nicht, dass wir faktisch nicht alles wissen, sondern dass der Begriff der zureichenden Begründung sich selbst zu untergraben scheint.
Die maßgeblichen Positionen
Fundamentalismus des Selbstbewusstseins
René Descartes →Im Zweifel selbst stößt das Denken auf einen Satz, der nicht mehr bezweifelt werden kann – das denkende Ich.
Descartes suchte den unerschütterlichen Anfang, indem er methodisch alles bezweifelte, bis er auf das „cogito, ergo sum“ stieß: Selbst im radikalsten Zweifel muss ich als Zweifelnder existieren, und dieser Satz begründet sich unmittelbar selbst, ohne weiteren Beweis. Das überzeugt durch die Evidenz des Vollzugs, scheitert aber daran, dass aus dem bloßen denkenden Ich sich kaum das gesamte übrige Wissen ableiten lässt, ohne erneut Voraussetzungen einzuschmuggeln – Descartes selbst musste die Gottesexistenz bemühen, um die Brücke zur Außenwelt zu schlagen.
Kritischer Rationalismus / Fallibilismus
Karl Popper →Wissen braucht keine Letztbegründung, sondern lebt von der schonungslosen Bereitschaft, sich widerlegen zu lassen.
Popper zog aus dem Trilemma die radikale Konsequenz, das Begründungsdenken selbst zu verabschieden: Da eine sichere Letztbegründung unmöglich ist, soll Wissenschaft nicht nach Beweisen, sondern nach Widerlegungen streben und ihre Sätze stets als vorläufige, prüfbare Vermutungen ansehen. Das löst das Problem elegant, indem es die Forderung nach absoluter Sicherheit fallen lässt, doch handelt man sich den Vorwurf ein, damit auf Begründung überhaupt zu verzichten – wer den dogmatischen Abbruch verwirft, ersetzt ihn durch die Entscheidung, ihn nicht zu suchen.
Transzendentale Letztbegründung
Immanuel Kant →Es gibt notwendige Bedingungen der Erfahrung selbst, die nicht weiter hinterfragbar sind, weil jedes Hinterfragen sie schon voraussetzt.
Kant verlegte das Fundament weg von einzelnen Sätzen hin zu den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt: Raum, Zeit und Kategorien wie Kausalität sind keine Erfahrungstatsachen, sondern apriorische Formen, die alle Erfahrung erst strukturieren und sich daher nicht durch Erfahrung begründen lassen müssen. Diese Wendung entgeht dem Regress, indem sie ein Letztes ausweist, das die Bedingung jeder Frage ist – sie zahlt dafür aber mit der umstrittenen Annahme, dass sich solche notwendigen Strukturen tatsächlich und vollständig aus der Vernunft allein ermitteln lassen.
Pyrrhonische Skepsis
Michel de Montaigne →Da keine der drei Optionen trägt, ist das Aufschieben des Urteils die einzig redliche Haltung.
Schon die antike Skepsis kannte die Tropen, die dem Trilemma vorausgehen, und Montaigne erneuerte diese Haltung mit seinem „Que sais-je?“ – einem Eingeständnis, dass die Vernunft keinen festen Grund unter sich findet und jede Begründung von einer Gegenbegründung aufgewogen werden kann. Die Stärke dieser Position liegt in ihrer intellektuellen Ehrlichkeit gegenüber der Begründungslücke, ihre Schwäche darin, dass auch die Behauptung, nichts sei letztbegründbar, selbst eine Behauptung ist, die in dasselbe Trilemma zurückfällt.
Warum es offen bleibt
Die Frage bleibt strittig, weil jeder Versuch, das Trilemma zu überwinden, sich selbst einem seiner drei Hörner ausliefert – sogar die These, Letztbegründung sei unmöglich, beansprucht ja eine Begründung und gerät damit in dieselbe Falle, die sie diagnostiziert. Zwischen denen, die mit Descartes und Kant noch ein unhintergehbares Fundament suchen, und denen, die mit Popper das Begründungsideal selbst für überholt halten, verläuft eine Grenze, die nicht durch ein weiteres Argument zu schlichten ist, weil eben jedes Argument bereits voraussetzt, was hier zur Debatte steht. So bleibt das Trilemma weniger ein zu lösendes Rätsel als eine bleibende Mahnung an die Grenzen dessen, was die Vernunft über ihren eigenen Grund aussagen kann.
Denker, die an dieser Frage rangen
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