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Porträt von Michel de Montaigne
Renaissance & Humanismus · ca. 1400 – 1600

Michel de Montaigne

1533–1592

Der Erfinder des Essays und der gelassenste Skeptiker der Renaissance. In seinen „Essais“ macht Montaigne sich selbst zum Gegenstand des Denkens und stellt allem prüfend eine einzige Frage entgegen: „Que sais-je?“ – Was weiß ich?

Renaissance-HumanismusEthikErkenntnistheorie
„Que sais-je?“ – Montaignes skeptische Selbstbefragung

Bekanntestes Konzept

„Que sais-je?“ – Was weiß ich?

Montaignes Wahlspruch ist kein resignierter Stoßseufzer, sondern eine Methode. Vor jede feste Überzeugung – die eigene wie die fremde – setzt er die prüfende Frage „Was weiß ich eigentlich?“ und wägt die Gründe für und wider, ohne sich vorschnell festzulegen. Diese „épochè“, das Aufschieben des Urteils, befreit ihn von der Tyrannei der Gewissheiten, für die Menschen einander verfolgen und töten. Wer aufrichtig fragt, wie wenig er sicher weiß, wird milder, toleranter und gelassener.

Dreizehn Jahre lang sprach Michel de Montaigne am Parlament von Bordeaux Recht, dann gab er 1570 das Amt ab und richtete den prüfenden Blick fortan auf einen einzigen, unerschöpflichen Fall: sich selbst. Was dabei entstand, bekam ein neues Wort: „essai“ – Versuch, Probe. Seine „Essais“ sind der erste große Versuch der Moderne, einen Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit von innen zu beschreiben: „Ich selbst bin der Stoff meines Buches.“ Statt ein System zu errichten, prüft Montaigne unermüdlich seine eigenen Meinungen, Gewohnheiten und Vorurteile und entlarvt die Hochmut der menschlichen Vernunft, die so vieles zu wissen glaubt und so wenig sicher weiß. Sein skeptisches Motto „Que sais-je?“ – Was weiß ich? – ließ er sogar auf eine Medaille prägen. Aus dieser Demut vor der eigenen Unwissenheit wächst keine Verzweiflung, sondern eine heitere Gelassenheit: die Kunst, mit den Grenzen des Wissens und der Endlichkeit des Lebens versöhnt zu leben.

θ · Kernideen

  • 1.Der Essay als Form: Montaigne erfindet den „Versuch“ – ein tastendes, persönliches, offenes Denken statt geschlossener Lehrgebäude. „Ich male nicht das Sein, ich male den Übergang.“
  • 2.„Que sais-je?“ – Was weiß ich?: Die radikale, aber heitere Selbstbefragung als Grundhaltung; das Urteil wird aufgeschoben, die eigene Unwissenheit eingestanden.
  • 3.Selbsterkundung: „Ich selbst bin der Stoff meines Buches.“ Der einzelne, konkrete Mensch – mit seinen Launen, Schwächen und Widersprüchen – wird zum Erkenntnisgegenstand.
  • 4.Skepsis gegen die Vermessenheit der Vernunft: Der Mensch überschätzt sein Wissen; wahre Bildung beginnt mit der Einsicht in die Grenzen des Erkennens.
  • 5.Gelassenheit und Lebenskunst: Aus der Annahme der Unsicherheit und Endlichkeit erwächst innere Ruhe; „Philosophieren heißt sterben lernen“ – und gerade so leben lernen.
  • 6.Toleranz aus Skepsis: Wer seiner eigenen Wahrheit misstraut, zwingt sie anderen nicht mit Gewalt auf – eine stille Lehre aus den Religionskriegen seiner Zeit.
  • 7.Naturgemäßheit und Mäßigung: Dem Eigensinnigen, Künstlichen und Fanatischen setzt Montaigne das einfache, der Natur folgende Maß entgegen.
  • 8.Kulturkritik des Eurozentrismus: Im Essay „Über die Menschenfresser“ stellt er die Selbstverständlichkeit „zivilisierter“ Barbarei in Frage – „jeder nennt Barbarei, was nicht seine Gewohnheit ist“.

Die Hauptkritik

Der gewichtigste Einwand zielt nicht auf Montaignes Skepsis als solche, sondern auf ihre verdächtige Bequemlichkeit: Schon Pascal, der ihn so genau las wie kaum ein anderer, warf ihm vor, sein „Que sais-je?" laufe auf einen entwaffneten Quietismus hinaus – ein Zweifel, der sich gegen jede Erschütterung immunisiert, weil er aus dem Eingeständnis der Unwissenheit nicht den Sprung, sondern das behagliche Sicheinrichten zieht; der berühmte fideistische Schluss der „Apologie", die Vernunft kapituliere zugunsten des überlieferten Glaubens, erscheint dann weniger als fromme Demut denn als wohlfeile Lizenz, sich um die eigentliche Anstrengung des Denkens zu drücken. Sainte-Beuve und nach ihm eine ganze kritische Linie schärften diesen Verdacht zur Diagnose eines konformistischen Skeptizismus: Wer aus Misstrauen gegen alle Gewissheit den geltenden Gesetzen, Sitten und der katholischen Kirche „aus Gewohnheit" folgt, macht die Skepsis zum Ruhekissen des Status quo und entzieht sich jeder reformerischen Konsequenz – ausgerechnet inmitten der Religionskriege, deren Greuel er beklagt, ohne ihre Ordnung anzutasten. Damit verbindet sich der erkenntnistheoretische Vorwurf, den später Descartes praktisch beantwortete: Eine Skepsis, die das Urteil bloß „in der Schwebe" hält, ohne sich selbst auf den Prüfstand zu stellen, verfehlt die eigene Strenge, denn auch der Satz, man wisse nichts sicher, beansprucht ja eine Gewissheit. Und ästhetisch schlägt der Einwand in die Form zurück: Was als heitere Selbstbefragung gefeiert wird, kippt bei kühlerer Betrachtung leicht in eine Selbstgefälligkeit des wohlhabenden Schlossherrn, der sich die „arrière-boutique" der Seele leisten kann, während er das eigene Privileg nie zum Gegenstand desselben unbarmherzigen Zweifels macht, mit dem er die fremden Sitten mustert. Der schärfste Vorwurf lautet also: Montaignes Gelassenheit ist womöglich keine errungene Weisheit, sondern eine kultivierte Weigerung, zu Ende zu denken.

θ · Wahrheitsbegriff

Montaigne misstraut jeder endgültigen Wahrheit, die der menschliche Verstand zu besitzen vorgibt. Wahrheit ist für ihn kein fester Besitz, sondern höchstens ein vorläufiges, immer wieder zu prüfendes Annähern – „ich male nicht das Sein, ich male den Übergang“. Was eine Zeit, ein Land, ein Mensch für gewiss wahr hält, erweist sich im Vergleich oft als bloße Gewohnheit. Statt die eine Wahrheit zu verkünden, dokumentiert Montaigne ehrlich das Schwanken seiner eigenen Urteile. Diese Skepsis ist nicht zynisch: Sie hält den Geist offen und beweglich und schützt vor der Anmaßung, im Namen einer behaupteten Wahrheit über andere zu herrschen.

θ · Subjekt & Objekt

Montaignes größte Neuerung ist, dass er das erkennende Subjekt selbst zum Objekt der Untersuchung macht. Wo die Tradition über die Welt, Gott oder die Tugend schreibt, schreibt er über sich: über seine Gedanken, seinen Körper, seine wechselnden Stimmungen. „Ich selbst bin der Stoff meines Buches.“ Doch dieses Ich ist kein fester Punkt, sondern ein Strom – widersprüchlich, von Stunde zu Stunde anders. Indem Montaigne den Beobachter und das Beobachtete in einer Person zusammenfallen lässt, entdeckt er die moderne Innerlichkeit und zugleich deren Unverfügbarkeit: Das Subjekt, das sich selbst erkennen will, entgleitet sich beständig.

θ · Logische Beweise & Argumente

Die skeptische Wende – warum „Que sais-je?“ jede dogmatische Gewissheit untergräbt

Montaigne rekonstruiert in der „Apologie“, weshalb der Mensch keinen sicheren Maßstab besitzt, um seine Erkenntnisse als wahr zu beglaubigen – und warum daraus nicht Verzweiflung, sondern Gelassenheit folgen sollte.

  1. P1Alle unsere Erkenntnis stammt aus den Sinnen und der Vernunft; beide aber täuschen sich nachweislich (Sinnestäuschungen, Irrtümer, widersprechende Lehrmeinungen der Gelehrten).
  2. P2Um zu entscheiden, ob eine Erkenntnis wahr ist, bräuchten wir ein verlässliches Kriterium des Wahren – doch dieses Kriterium müsste selbst erst durch ein weiteres Kriterium beglaubigt werden, und so fort ins Unendliche.
  3. P3Auch der Vergleich der Meinungen hilft nicht: Was dem einen Volk, Zeitalter oder Menschen gewiss scheint, gilt dem anderen als falsch; Gewohnheit, nicht Einsicht, bestimmt, was wir für selbstverständlich halten.
  4. Also besitzt der Mensch kein sicheres Fundament, um eine seiner Überzeugungen endgültig als wahr auszuweisen; die einzig redliche Haltung ist, das Urteil in der Schwebe zu halten und zu fragen: „Que sais-je?“

Montaigne führt damit die Argumente der antiken Skepsis (Sextus Empiricus, Pyrrhon) in die Neuzeit. Seine Skepsis ist jedoch kein Selbstzweck: Das Eingeständnis der Unwissenheit entwaffnet den Fanatismus und schenkt jene innere Ruhe, die er „tranquillité“ nennt. Genau an diesem Punkt setzte später Descartes an – er nahm Montaignes Zweifel ernst, suchte aber im „cogito“ den festen Punkt, den der gelassene Skeptiker bewusst offenließ.

θ · Hauptwerke

  • Die Essais (Essais, ab 1580; erweiterte Ausgaben 1588 und postum 1595)

    Montaignes lebenslanges Hauptwerk in drei Büchern: über hundert „Versuche“ zu den verschiedensten Gegenständen – von Freundschaft, Erziehung und Tod bis zu Daumen, Pferden und Reue –, die alle um die eine Frage kreisen, was der Mensch über sich und die Welt wirklich wissen kann.

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  • Apologie für Raimundus Sabundus (Apologie de Raimond Sebond, im 2. Buch der Essais)

    Der längste und philosophisch radikalste Essay: eine groß angelegte skeptische Abrechnung mit der Selbstüberschätzung der menschlichen Vernunft, in deren Zentrum das Motto „Que sais-je?“ steht.

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  • Reisetagebuch (Journal de voyage, 1580/81, postum veröffentlicht 1774)

    Aufzeichnungen seiner Reise durch Deutschland, die Schweiz und Italien – ein neugieriger, vorurteilsfreier Blick auf fremde Sitten, der seine Toleranz und seine Lust an der Vielfalt menschlicher Lebensformen zeigt.

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θ · Zitate

Was weiß ich?

Wahlspruch Montaignes, Essais (Apologie für Raimundus Sabundus)

Ich selbst bin der Stoff meines Buches.

Essais, An den Leser (1580)

Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem Hintern.

Essais, Drittes Buch, „Von der Erfahrung“

θ · Aus dem Leben

Der Turm und die Reise ins Innere

1571 zog sich Montaigne, lebenssatt von Ämtern und Hofdienst, mit achtunddreißig Jahren auf das Schloss seiner Familie zurück. Im obersten Stock eines runden Turms richtete er sich seine Bibliothek ein – über tausend Bände – und ließ in die Deckenbalken Sinnsprüche antiker Skeptiker einschnitzen, damit ihm seine eigene Unwissenheit stets vor Augen stehe. Hier, in dieser Stille, begann er statt großer Reisen die Erkundung eines einzigen, unerschöpflichen Gebiets: seiner selbst. „Die Welt blickt immer geradeaus; ich aber kehre den Blick nach innen.“ Aus diesem Rückzug entstand mit den „Essais“ eine der menschlichsten Stimmen der ganzen Philosophiegeschichte – ein Werk, das nicht belehren, sondern aufrichtig prüfen wollte.

θ · Verwandte Denker

Unklar geblieben? Michel de Montaigne antwortet dir selbst – oben im Live-Gespräch.