Zum Inhalt springen
thauma.
← Zurück zur Übersicht
A
Mittelalter · ca. 500 – 1400

Averroes (Ibn Rushd)

1126–1198

Der große Aristoteles-Kommentator des islamischen Spaniens. Für das lateinische Mittelalter schlicht „der Kommentator“, dachte er die Einheit von Glaube und Vernunft und stellte die kühne These vom einen, allen Menschen gemeinsamen Intellekt auf.

Islamische PhilosophieMetaphysikErkenntnistheorie
Der eine Intellekt – Illustration

Bekanntestes Konzept

Der eine Intellekt (monopsychismus)

Averroes deutet Aristoteles’ Lehre vom Geist so, dass der „mögliche Intellekt“ (intellectus possibilis), das eigentliche Vermögen des reinen Denkens, nicht jedem einzelnen Menschen gehört, sondern eine einzige, von allen Menschen geteilte, überindividuelle Substanz ist. Der Einzelne denkt, indem er an diesem einen Intellekt teilhat – so wie viele Augen dasselbe Licht empfangen. Das erklärt, warum Wahrheit allgemeingültig ist und nicht von Person zu Person variiert. Doch der Preis ist hoch: Wenn das Denkvermögen überindividuell und unsterblich ist, was bleibt dann von der persönlichen Unsterblichkeit der Einzelseele? An dieser Frage entzündete sich der „Averroismus“-Streit des Mittelalters.

Abū l-Walīd Muhammad ibn Ahmad ibn Rushd, im Westen Averroes genannt, war Jurist, Arzt und der bedeutendste Philosoph des islamischen Spaniens (al-Andalus). Geboren 1126 in Córdoba, wurde er zur wirkmächtigsten Brücke zwischen der griechischen Antike und dem lateinischen Westen. Seine umfangreichen Kommentare zu fast dem gesamten Werk des Aristoteles wurden im 13. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt und prägten die christliche Scholastik so tief, dass Thomas von Aquin ihn ehrfürchtig „den Kommentator“ nannte – so wie Aristoteles schlicht „der Philosoph“ hieß. Averroes verteidigte gegen den Theologen al-Ghazālī die Eigenständigkeit des philosophischen Denkens: Glaube und Vernunft, so seine Überzeugung, können einander nicht widersprechen, denn beide entspringen derselben Wahrheit. Seine Lehre vom einen Intellekt wurde im christlichen Europa zum Skandal und zugleich zur Herausforderung, an der sich die größten Denker abarbeiteten.

Kernideen

  • 1.Der größte Aristoteles-Kommentator: Averroes verfasste „große“, „mittlere“ und „kleine“ Kommentare zu fast dem gesamten Corpus des Aristoteles und wollte dessen Lehre von späteren Verfälschungen (besonders neuplatonischen) reinigen.
  • 2.Übereinstimmung von Glaube und Vernunft: Religion und Philosophie sind zwei Wege zu derselben Wahrheit; ein echter Widerspruch zwischen ihnen ist unmöglich, da beide von Gott stammen.
  • 3.Die drei Klassen der Menschen: Die rhetorisch Überzeugten (die Menge), die dialektisch Argumentierenden (die Theologen) und die demonstrativ Beweisenden (die Philosophen) – jede erfasst dieselbe Wahrheit auf ihrer Stufe.
  • 4.Allegorische Schriftauslegung: Wo der Wortsinn der Offenbarung dem zwingenden Beweis der Vernunft widerspricht, ist der Text bildlich (allegorisch) zu deuten – das ist die Aufgabe der Philosophen, nicht der Menge.
  • 5.Der eine, geteilte Intellekt: Der mögliche Intellekt ist eine einzige, allen Menschen gemeinsame, ewige Substanz; individuelles Denken ist Teilhabe an ihm (Monopsychismus).
  • 6.Ewigkeit der Welt: Mit Aristoteles hält Averroes die Welt für ewig – nicht im Sinne eines Anfangs in der Zeit, sondern als ewig von Gott abhängiges Geschehen; gegen die Schöpfung aus dem Nichts der Theologen.
  • 7.Verteidigung der Philosophie gegen al-Ghazālī: In „Die Inkohärenz der Inkohärenz“ widerlegt er Punkt für Punkt al-Ghazālīs Angriff auf die Philosophen und rettet das Vertrauen in die menschliche Vernunft.
  • 8.Kausalität und Naturordnung: Gegen den theologischen Okkasionalismus verteidigt Averroes echte natürliche Ursachen – Feuer brennt aus seiner Natur, nicht bloß durch Gottes wiederholten Willensakt.

Bezug zur Technikphilosophie

Averroes war nicht nur Metaphysiker, sondern praktizierender Arzt und Naturforscher; sein medizinisches Werk „Colliget“ (al-Kullīyāt) gehörte über Jahrhunderte zum europäischen Lehrkanon. Wichtiger für die Wissensgeschichte ist jedoch seine Rolle als Übermittler: Über die lateinischen Übersetzungen seiner Aristoteles-Kommentare gelangte das methodisch-rationale, an Beobachtung und Beweis orientierte Naturverständnis der Antike nach Europa zurück. Sein Beharren auf echten Naturkausalitäten gegen den theologischen Okkasionalismus – Dinge wirken aus ihrer eigenen Natur, regelhaft und erkennbar – ist eine begriffliche Voraussetzung dafür, dass Natur überhaupt als geordnetes, technisch beherrschbares System gedacht werden kann.

Wahrheitsbegriff

Im Zentrum von Averroes’ Denken steht die These der „doppelten“, aber letztlich einen Wahrheit: Philosophie und Offenbarung führen zur selben Wahrheit auf verschiedenen Wegen. Wahres kann Wahrem nicht widersprechen. Wo der Wortlaut der heiligen Schrift dem zwingenden philosophischen Beweis zu widersprechen scheint, ist nicht der Beweis preiszugeben, sondern der Text allegorisch zu deuten. Diese Lehre wurde im lateinischen Westen oft (zu Unrecht) zur Karikatur der „doppelten Wahrheit“ verzerrt – als behaupte Averroes, etwas könne philosophisch wahr und theologisch falsch zugleich sein. Tatsächlich lehrte er das Gegenteil: gerade weil es nur eine Wahrheit gibt, müssen Vernunft und Glaube in Einklang gebracht werden.

Subjekt & Objekt

Averroes’ Intellektlehre verschiebt die Grenze zwischen Subjekt und Objekt des Erkennens auf radikale Weise. Das eigentlich erkennende Subjekt ist nicht das einzelne, leiblich vereinzelte Ich, sondern der eine, überindividuelle Intellekt; der Einzelne stellt durch seine Sinne und seine Einbildungskraft die „Vorstellungsbilder“ (phantasmata) bereit, an denen dieser Intellekt das Allgemeine erfasst. Erkenntnis ist damit ein Geschehen, in dem sich das individuelle Subjekt mit dem einen Intellekt verbindet (die berühmte „Konjunktion“). Das macht objektives, allgemeingültiges Wissen erklärbar, stellt aber die Identität des denkenden Subjekts in Frage – ein Problem, an dem sich die ganze spätere Debatte um die Einheit oder Vielheit des Geistes entzündete.

Gerechtigkeit

Auch zur politischen Philosophie trug Averroes bei: Da ihm Aristoteles’ „Politik“ nicht vorlag, kommentierte er Platons „Politeia“ und übernahm das Ideal einer von Vernunft geleiteten Ordnung. Gerechtigkeit verwirklicht sich für ihn in einem Gemeinwesen, das jeden seiner drei Menschenklassen – der Menge, den Argumentierenden und den beweisenden Philosophen – die ihr gemäße Stufe der Wahrheit zugesteht, ohne die einen mit den Maßstäben der anderen zu überfordern. Die philosophische Elite trägt dabei eine besondere Verantwortung: Sie soll die tiefere, allegorische Bedeutung der Offenbarung nicht der Menge aufdrängen, um den sozialen Frieden und den schlichten Glauben nicht zu zerstören.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Averroes übernimmt Aristoteles’ Ideal der strengen, beweisenden Wissenschaft (apodeixis): Echtes Wissen ist Erkenntnis aus Ursachen, gewonnen im logischen Syllogismus aus sicheren Prinzipien. Auf dieser Grundlage hierarchisiert er die Zugänge zur Wahrheit: Die Menge wird durch Rhetorik überzeugt, die Theologen (mutakallimūn) bewegen sich auf der unsicheren Ebene der Dialektik, allein die Philosophen erreichen die demonstrative, beweisende Gewissheit. Diese Rangordnung begründet zugleich seine Auslegungslehre: Nur wer die Beweismethode beherrscht, darf entscheiden, wo die Schrift allegorisch zu lesen ist – die methodische Strenge der Wissenschaft wird zum Maßstab auch im Umgang mit der Offenbarung.

Logische Beweise & Argumente

Das Argument von der Allgemeingültigkeit der Wahrheit – warum der Intellekt einer sein muss

Averroes fragt, wie es kommt, dass eine erkannte Wahrheit (etwa ein mathematischer Satz) für alle Menschen genau dieselbe ist. Seine Antwort radikalisiert Aristoteles: Das denkende Vermögen selbst muss überindividuell sein.

  1. P1Was wirklich erkannt wird – die allgemeinen, abstrakten Begriffe und Wahrheiten –, ist bei allen Menschen identisch: „Der Satz des Pythagoras“ meint für jeden dasselbe.
  2. P2Der mögliche Intellekt, das Vermögen, in dem solche allgemeinen Begriffe aufgenommen und gedacht werden, muss selbst rein und unkörperlich sein, denn nur so kann er jede Form ohne Vermischung aufnehmen.
  3. P3Wäre dieser Intellekt in jedem Menschen ein eigenes, durch dessen Körper vereinzeltes Vermögen, so wäre das Gedachte in jedem ein je anderes, vereinzeltes – und die strenge Allgemeingültigkeit der erkannten Wahrheit ließe sich nicht erklären.
  4. Also muss der mögliche Intellekt eine einzige, von allen Menschen geteilte, immaterielle Substanz sein, an der die Einzelnen je teilhaben, wenn sie denken.

Der Beweis erklärt elegant die Objektivität des Wissens, zahlt dafür aber einen hohen Preis: Wenn das eigentlich Denkende in mir nicht mein individuelles, sterbliches Ich ist, sondern der eine ewige Intellekt, dann scheint die persönliche Unsterblichkeit der Einzelseele zu entfallen. Genau hier setzte Thomas von Aquin in „Über die Einheit des Intellekts gegen die Averroisten“ an: Ohne einen je eigenen Intellekt, so sein Gegenargument, könne man gar nicht sagen „dieser Mensch denkt“ – das Denken würde unpersönlich, und damit zerbreche die sittliche Verantwortung des Einzelnen.

Hauptwerke

  • Die Inkohärenz der Inkohärenz (Tahāfut at-Tahāfut, um 1180)

    Averroes’ scharfe Antwort auf al-Ghazālīs „Inkohärenz der Philosophen“. Satz für Satz verteidigt er die Philosophie gegen den Vorwurf des Unglaubens und rettet die Rationalität gegen den theologischen Skeptizismus – ein Schlüsselwerk der Debatte um Glaube und Vernunft.

  • Die entscheidende Abhandlung (Faṣl al-maqāl, um 1179)

    Eine juristisch argumentierende Schrift, die nachweist, dass das Studium der Philosophie nach islamischem Recht nicht nur erlaubt, sondern geboten ist – und die das Verhältnis von Offenbarung und Beweis sowie die Regeln der allegorischen Auslegung bestimmt.

  • Der große Kommentar zu „Über die Seele“ (De anima)

    Hier entwickelt Averroes seine berühmte und folgenreiche Deutung des Intellekts: die Lehre vom einen, allen Menschen gemeinsamen möglichen Intellekt, die im lateinischen Westen den Averroismus-Streit auslöste.

  • Die großen Kommentare zu Aristoteles (Metaphysik, Physik, Analytik u. a.)

    Das monumentale Lebenswerk: ausführliche Kommentare zu fast dem gesamten erhaltenen Aristoteles. In lateinischer Übersetzung wurden sie zum Standardzugang der Scholastik zu Aristoteles und trugen Averroes den Ehrentitel „der Kommentator“ ein.

Zitate

Die Wahrheit kann der Wahrheit nicht widersprechen, sondern stimmt mit ihr überein und bezeugt sie.

sinngemäß nach „Die entscheidende Abhandlung“ (Faṣl al-maqāl)

Da diese Offenbarung wahr ist und zum Nachdenken auffordert, das zur Erkenntnis der Wahrheit führt, wissen wir Muslime mit Gewissheit, dass das demonstrative Nachdenken nicht zu etwas führt, das der Offenbarung widerspricht.

sinngemäß nach „Die entscheidende Abhandlung“ (Faṣl al-maqāl)

Die Unwissenheit über die Naturdinge ist Unwissenheit über Gott.

Averroes zugeschrieben

Aus dem Leben

Der Kommentator, der Aristoteles nie auf Griechisch las

Averroes widmete sein Leben der Erklärung des Aristoteles – und konnte doch kein Griechisch. Er arbeitete mit arabischen Übersetzungen, die ihrerseits oft über das Syrische vermittelt waren, und drang dennoch tiefer in das Werk des „Philosophen“ ein als fast jeder vor ihm. Der Auftrag, so berichtet die Überlieferung, kam vom Kalifen Abū Yaʿqūb Yūsuf, der über die dunkle Sprache des Aristoteles klagte; der Hofarzt Ibn Tufail empfahl ihm den jungen Ibn Rushd für die Aufgabe, das gesamte Werk verständlich zu machen. Aus dieser Bitte erwuchs das monumentale Kommentarwerk. Am Ende seines Lebens geriet Averroes unter dem politischen Druck konservativer Kräfte in Ungnade, wurde zeitweilig verbannt und seine Bücher verbrannt – doch ausgerechnet im christlichen Europa, in lateinischer Übersetzung, wurde er Jahrhunderte später zum „Kommentator“ schlechthin.

Verwandte Denker