
Ernst Cassirer
1874–1945
Neukantianer und Begründer der „Philosophie der symbolischen Formen“. Für ihn ist der Mensch ein „animal symbolicum“, das sich durch Sprache, Mythos, Kunst und Wissenschaft eine eigene Welt schafft.

Bekanntestes Konzept
Die Philosophie der symbolischen Formen
Der Mensch erfährt Wirklichkeit nie unmittelbar, sondern stets durch symbolische Formen wie Sprache, Mythos, Religion, Kunst und Wissenschaft. Jede dieser Formen ist eine eigenständige, gleichberechtigte Weise, in der der Geist seine Welt gestaltet.
Ernst Cassirer, Hauptvertreter der Marburger Schule des Neukantianismus, weitete Kants Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis auf die gesamte Kultur aus. In seiner „Philosophie der symbolischen Formen“ zeigt er, dass Sprache, Mythos, Religion, Kunst und Wissenschaft je eigene, gleichberechtigte Weisen sind, in denen der Geist seine Welt formt. Der Mensch ist für ihn nicht primär „animal rationale“, sondern „animal symbolicum“. 1929 trat er in Davos dem jungen Heidegger gegenüber – ein Streit um die Deutung Kants, um Endlichkeit und Freiheit, der zum Symbol für die Spaltung der Philosophie des 20. Jahrhunderts wurde. Als Jude emigrierte er 1933.
Kernideen
- 1.Philosophie der symbolischen Formen: Sprache, Mythos, Religion, Kunst und Wissenschaft sind eigenständige Formen geistiger Weltbildung.
- 2.Der Mensch als „animal symbolicum“: Er lebt nicht in einer bloß physischen, sondern in einer symbolischen Welt.
- 3.Vom Substanz- zum Funktionsbegriff: Erkenntnis ordnet durch Relationen und Funktionen, nicht durch Abbild von Dingen.
- 4.Neukantianismus: Fortführung von Kants Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit – ausgeweitet auf die ganze Kultur.
- 5.Kultur als Selbstbefreiung: In den symbolischen Formen übersteigt der Mensch die bloße Natur und seine Endlichkeit.
- 6.Humanität und Aufklärung: Verteidigung von Vernunft, Freiheit und Kultur gegen ihre Verächter.
Bezug zur Technikphilosophie
Cassirers Lehre von den symbolischen Formen liefert ein Modell, um Technik als kulturelle Weltbildung statt bloß als Mittelgebrauch zu begreifen: Schon das Werkzeug ist ein Symbol, das den Menschen vom unmittelbaren Reiz löst und die Welt nach Funktionen ordnet. Sein Übergang vom Substanz- zum Funktionsbegriff – Erkenntnis als Erzeugen relationaler Ordnungen statt Abbilden von Dingen – nimmt das funktionale, algorithmische Denken vorweg, das Berechnung, Programmierung und Informatik trägt. Versteht man Programmiersprachen, Datenmodelle und Künstliche Intelligenz als neue „symbolische Formen“, so erscheinen Computer und Medien bei Cassirer nicht als Naturgewalt, sondern als geistige Konstruktionen, in denen das „animal symbolicum“ seine Wirklichkeit weiterformt.
Wahrheitsbegriff
Cassirer löst Wahrheit von der Abbildtheorie: Wahre Erkenntnis bildet keine an sich bestehenden Substanzen ab, sondern erzeugt relationale, funktionale Ordnungen. Mit dem Übergang vom Substanz- zum Funktionsbegriff wird Wahrheit zur gültigen Form des Ordnens und Verknüpfens, nicht zur Übereinstimmung mit einem Ding. Zugleich ist Wahrheit für ihn vielgestaltig: Jede symbolische Form – Sprache, Mythos, Kunst, Wissenschaft – erschließt eine eigene, gleichberechtigte Weise geistiger Weltbildung mit jeweils eigener „Objektivität“. Die wissenschaftliche Wahrheit ist damit nur eine Gestalt unter mehreren Weisen, in denen der Geist Wirklichkeit gültig formt.
Subjekt & Objekt
Cassirer löst den starren Gegensatz von Subjekt und Objekt auf, indem er ihn an den symbolischen Formen relativiert: Objektivität ist kein Abbild eines an sich bestehenden Dinges, sondern ein Resultat geistiger Formung – mit dem Übergang vom Substanz- zum Funktionsbegriff wird das Objekt zum Knotenpunkt relationaler Ordnungen, die das Subjekt erzeugt. In Sprache, Mythos, Kunst und Wissenschaft konstituieren sich Subjektpol und Objektpol gemeinsam und gleichursprünglich, sodass jede symbolische Form ihre eigene „Objektivität“ ausbildet. Damit weitet er Kants transzendentale Konstitution der Erscheinungen auf die gesamte Kultur aus: Nicht ein einsames Bewusstsein steht einer fertigen Dingwelt gegenüber, vielmehr gewinnen Ich und Welt erst im Prozess der symbolischen Weltbildung ihre Gestalt.
Gerechtigkeit
Cassirer hat keine eigene Gerechtigkeitstheorie entworfen, doch sein Spätwerk „Vom Mythus des Staates“ (1946) ist ein eindringlicher Beitrag zur politischen Philosophie: Es analysiert, wie totalitäre Bewegungen das mythische Denken planmäßig zur Waffe machen und Recht, Vernunft und Freiheit überwältigen. Gerechtigkeit setzt für ihn voraus, dass die symbolische Form des Rechts und der rationalen Argumentation nicht dem politischen Mythos und der bloßen Macht ausgeliefert wird. Aus der Tradition der Aufklärung verteidigt er die Idee einer humanen, auf Vernunft und Gesetz gegründeten Ordnung gegen die Barbarei seiner Zeit, die ihn selbst 1933 als Juden ins Exil zwang.
Beitrag zur Wissenschaftstheorie
In „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“ (1910) entwickelt Cassirer eine einflussreiche Theorie der exakten Wissenschaften: Die moderne Mathematik und Physik bilden ihre Begriffe nicht mehr durch Abstraktion gemeinsamer Merkmale (Substanzbegriff), sondern durch Funktionen, Reihen und Gesetze, die Elemente in relationale Ordnungen setzen. Erkenntnis ist damit nicht Abbild von Dingen, sondern konstruktive Erzeugung gültiger Ordnungszusammenhänge – Cassirer überträgt Kants „kopernikanische Wende“ auf die fortgeschrittene Naturwissenschaft. Auch Begriffe wie Energie, Zahl und Raum versteht er funktional als invariante Beziehungsgefüge. Die Wissenschaft erscheint so als eine symbolische Form unter anderen, die Wirklichkeit nach eigenen relationalen Prinzipien objektiv formt.
Logische Beweise & Argumente
Der Mensch als animal symbolicum
Cassirers Bestimmung des Menschen jenseits von „animal rationale“.
- P1Tiere reagieren auf Signale, die fest an Reiz und Situation gebunden sind.
- P2Der Mensch schafft und gebraucht Symbole, die sich vom unmittelbaren Reiz lösen und frei kombinierbar sind – in Sprache, Mythos, Kunst, Wissenschaft.
- P3Diese symbolischen Formen bilden ein eigenes „Universum“, durch das hindurch der Mensch alle Wirklichkeit erfährt.
- ∴Also ist der Mensch nicht primär das vernünftige, sondern das symbolschaffende Tier: animal symbolicum. Kultur ist die Gesamtheit dieser symbolischen Formen.
Die Definition weitet Kants Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis auf die ganze Kultur aus und macht Sprachphilosophie und Anthropologie zur Grundlagenwissenschaft.
Vom Substanzbegriff zum Funktionsbegriff
Wie die moderne Wissenschaft den klassischen Begriff der Abstraktion ablöst.
- P1Die klassische Logik bildet Begriffe durch Abstraktion gemeinsamer Merkmale (Substanzbegriff) – der Begriff als Abbild einer Dingklasse.
- P2Die moderne Mathematik und Physik arbeiten dagegen mit Funktionen, Reihen und Gesetzen, die Elemente in eine Ordnung setzen.
- P3Erkenntnis besteht dann nicht im Abbilden von Substanzen, sondern im Erzeugen relationaler Ordnungen.
- ∴Begriffe sind Funktionen der Ordnung, nicht Abbilder von Dingen – Erkenntnis ist konstruktiv und bedingt durch die Form, in der wir ordnen.
Damit überträgt Cassirer Kants „kopernikanische Wende“ auf die exakten Wissenschaften und bereitet seine allgemeine Theorie der symbolischen Formen vor.
Hauptwerke
Substanzbegriff und Funktionsbegriff(1910)
Erkenntnistheorie der modernen Wissenschaft: Begriffe als Funktionen, nicht als Abbilder.
Philosophie der symbolischen Formen(1923–1929)
Dreibändiges Hauptwerk: Sprache, mythisches Denken, Phänomenologie der Erkenntnis.
Versuch über den Menschen (An Essay on Man)(1944)
Späte Summe: der Mensch als animal symbolicum, eine Anthropologie der Kultur.
Zitate
„Der Mensch lebt nicht mehr in einem bloß physischen, sondern in einem symbolischen Universum.“
— Versuch über den Menschen (1944)
„Der Mensch ist ein animal symbolicum.“
— Versuch über den Menschen (1944)
Aus dem Leben
Der Handschlag von Davos
Im Frühjahr 1929 trafen sich Cassirer und der junge Martin Heidegger bei den Davoser Hochschulkursen zu einer öffentlichen Disputation über Kant, Endlichkeit und Freiheit. Der Überlieferung nach stilisierten begeisterte Zuhörer das Streitgespräch zum Generationskonflikt: Studenten parodierten die beiden sogar in einem Sketch, bei dem Emmanuel Levinas den weißhaarigen Cassirer mit eingepudertem Haar gab. Trotz der tiefen Gegensätze blieb Cassirer höflich und reichte Heidegger am Ende die Hand – während dieser den Handschlag, so erzählt man, demonstrativ verweigert haben soll. Der vornehme, weltoffene Neukantianer und der radikale Existenzdenker verkörperten so zwei Wege, die die Philosophie des 20. Jahrhunderts spalten sollten.
Verwandte Denker
Als Neukantianer deutet Cassirer Kant als Philosophen der Vernunft, Freiheit und Kultur.
Gegenspieler der berühmten Davoser Disputation 1929 über Endlichkeit, Freiheit und die Deutung Kants.
Beide untersuchen die geschichtlichen Ordnungen des Wissens – Cassirer als symbolische Formen, Foucault als Epistemes.