zugeschrieben: Niccolò Machiavelli (auch Ludwig XI. oder Philipp II. von Makedonien)
Die lateinische Formel „divide et impera“ ist antik nicht belegt, ihre Herkunft ist bis heute ungeklärt. Büchmanns „Geflügelte Worte“ führt sie vorsichtig auf Ludwig XI. von Frankreich zurück, und zwar nur, weil Prosper Mérimée ihm 1829 ein „Diviser pour régner“ zuschrieb; Heine dachte 1842 an Philipp von Makedonien. Älter als der Spruch ist die Praxis. Rom löste 338 v. Chr. den Latinerbund auf und nahm den übrigen Städten das Recht, untereinander zu heiraten, Handel zu treiben und gemeinsam zu tagen (Livius VIII 14). Tacitus wünschte, den Germanen möge, wenn schon nicht die Liebe zu Rom, so doch der Hass aufeinander bleiben, denn das Schicksal könne dem Reich nichts Größeres schenken als die Zwietracht seiner Feinde (Germania 33). Und Machiavelli? Bei ihm steht der Satz nicht. Im „Fürsten“, Kapitel 20, zitiert er eine Regel der alten Florentiner, man müsse Pistoia mit Parteien halten und Pisa mit Festungen — und widerspricht: Er glaube nicht, dass Spaltungen je etwas Gutes bewirkt hätten; nahe der Feind, seien geteilte Städte sofort verloren.
Am genauesten hat Kant den Mechanismus beschrieben. In „Zum ewigen Frieden“ (1795) steht „Divide et impera“ als dritte der sophistischen Maximen politischer Klugheit, neben „Fac et excusa“ und „Si fecisti, nega“. Nach innen: Haben dich privilegierte Häupter nur zum Ersten unter Gleichen gewählt, so entzweie sie untereinander und mit dem Volk und stehe dem Volk bei, „unter Vorspiegelung größerer Freiheit“ — dann hängt alles von deinem Willen ab. Nach außen: Säe Unfrieden zwischen fremden Staaten und unterwirf sie, unter dem Schein, dem Schwächeren beizustehen, einen nach dem andern. Hintergangen, fügt Kant trocken hinzu, werde dadurch niemand, die Maximen seien allgemein bekannt. Montesquieu sah darin das Geheimnis Roms: „leur maxime constante fut de diviser“. Die überraschendste Wendung stammt von James Madison. Im Oktober 1787 schrieb er an Jefferson, divide et impera, das verworfene Axiom der Tyrannei, sei unter gewissen Bedingungen die einzige Politik, nach der eine Republik gerecht regiert werden könne. Gemeint ist die große Republik, die in so viele Teile, Interessen und Klassen zerfällt, dass den Rechten der Minderheit von eigennützigen Mehrheitsbündnissen wenig Gefahr droht (Federalist Nr. 51). Gewaltenteilung und Föderalismus sind geteilte Herrschaft — nur teilt hier nicht der Herrscher, um zu herrschen, sondern die Verfassung, damit keiner herrscht.
Der stärkste Einwand kommt von dem, dem man den Spruch anhängt. Für Machiavelli ist die Maxime eine Schönwetterregel: Im Frieden mag sie nützen, im Krieg zeigt sie ihren Fehler, weil die schwächere Partei zum äußeren Feind überläuft. Venedig hat in seinen Städten Guelfen und Ghibellinen gegeneinander genährt und sie nach der Niederlage von Vailà 1509 verloren. In den „Discorsi“ (III 27) nennt er die Meinung, man müsse Städte geteilt halten, um sie zu halten, schlicht falsch. Hobbes argumentiert vom anderen Ende: Geteilte Souveränität ist ein Reich, das mit sich selbst uneins ist, und das kann, nach dem Bibelwort, nicht bestehen. Hannah Arendt schließlich erklärt, warum sich der Kniff rächt. Macht entsteht nach ihr nur, wo Menschen sich zusammenschließen und im Einvernehmen handeln. Wer die Beherrschten spaltet, zerstört genau das, worauf sich Herrschaft auf Dauer stützen könnte, und behält nur Gewalt. Gewalt aber kann Macht vernichten, erzeugen kann sie keine.
Als Beschreibung trifft der Spruch: Rom hat ihn jahrhundertelang geübt, und Kolonialverwaltungen wird er bis heute vorgeworfen. Als Rat taugt er weniger, als sein Ruf behauptet, denn er macht Herrschaft billig und brüchig zugleich — das ist Machiavellis eigenes Argument gegen ihn. Bleibt Madisons Kehrseite: Dasselbe Werkzeug schützt die Freiheit, wenn es gegen den gerichtet wird, der es sonst führen würde. Goethe hat die Antwort gereimt: „Entzwei’ und gebiete! / Tüchtig Wort; / Verein’ und leite! / Beßrer Hort.“
Anderer Meinung? Trag den Satz im Live-Gespräch einem der Denker vor — und sieh, was er davon übrig lässt.