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Mittelalter · ca. 500 – 1400

Anselm von Canterbury

1033–1109

Der „Vater der Scholastik“ und Erzbischof von Canterbury. Er suchte, Gott allein aus der Vernunft zu beweisen – und schuf mit dem ontologischen Gottesbeweis eines der berühmtesten und umstrittensten Argumente der Philosophiegeschichte.

ScholastikMetaphysik
Der ontologische Gottesbeweis – Illustration

Bekanntestes Konzept

Der ontologische Gottesbeweis (id quo maius cogitari nequit)

Anselm definiert Gott als „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ (id quo maius cogitari nequit). Auch der Tor, der in seinem Herzen spricht „Es ist kein Gott“, versteht diese Worte – also existiert dieses Größte zumindest im Verstand. Wäre es aber nur im Verstand und nicht auch in der Wirklichkeit, so ließe sich ein Größeres denken: nämlich dasselbe, das auch wirklich existiert. Dann wäre „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ etwas, worüber hinaus doch ein Größeres gedacht werden kann – ein Widerspruch. Also muss Gott nicht nur im Verstand, sondern auch in Wirklichkeit existieren. Allein aus dem Begriff Gottes folgt seine Existenz.

Anselm von Canterbury, Benediktinermönch, Abt von Bec und schließlich Erzbischof von Canterbury, gilt als der „Vater der Scholastik“. In einer Zeit, in der Glaube und Vernunft als untrennbar galten, unternahm er etwas Kühnes: Er wollte die Wahrheiten des Glaubens – allem voran die Existenz Gottes – nicht durch Berufung auf die Heilige Schrift, sondern „sola ratione“, allein durch die Vernunft, einsichtig machen. Sein Programm fasst die berühmte Formel „fides quaerens intellectum“ – der Glaube, der nach Einsicht sucht. Anselm geht nicht vom Zweifel aus, sondern vom Glauben, der sich selbst verstehen will: „Credo ut intelligam“ – ich glaube, damit ich verstehe. Im „Proslogion“ entwickelte er den ontologischen Gottesbeweis, der allein aus dem Begriff Gottes – „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ – dessen notwendige Existenz folgern will. Kein Argument hat Denker von Thomas von Aquin über Descartes und Leibniz bis Kant und in die analytische Philosophie der Gegenwart so beharrlich beschäftigt.

Kernideen

  • 1.Fides quaerens intellectum: Der Glaube sucht die Einsicht. Anselm will nicht beweisen, um zu glauben, sondern verstehen, was er bereits glaubt – „Credo ut intelligam“, ich glaube, damit ich verstehe.
  • 2.Der Gottesbegriff als „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ (id quo maius cogitari nequit) – nicht das Größte, sondern das, worüber hinaus nichts Größeres denkbar ist.
  • 3.Der ontologische Gottesbeweis: Aus dem bloßen Begriff Gottes folgt allein durch Vernunft seine notwendige Existenz – wirkliche Existenz ist „größer“ als bloßes Gedachtsein.
  • 4.Gott existiert nicht nur, sondern kann gar nicht als nicht-existierend gedacht werden: Seine Existenz ist notwendig, nicht zufällig.
  • 5.Methode der „sola ratione“: Glaubenswahrheiten sollen allein aus der Vernunft, ohne Berufung auf die Autorität der Schrift, einsichtig gemacht werden.
  • 6.Wahrheit als „Richtigkeit“ (rectitudo): Etwas ist wahr, wenn es ist, was es sein soll – Wahrheit hat eine sollensmäßige, nicht bloß abbildende Struktur.
  • 7.Satisfaktionslehre der Erlösung („Cur Deus homo“): Die Sünde verletzt die Ehre Gottes; nur ein Gottmensch kann die unendliche Genugtuung leisten – ein vernunftgeleitetes Argument für die Menschwerdung.
  • 8.Vorrang der Vernunft im Glauben: Die Scholastik beginnt mit Anselm, weil er den Glaubensinhalt rational durchdringt, statt ihn nur zu wiederholen.

Bezug zur Technikphilosophie

Anselms ontologisches Argument lebt im Zeitalter der formalen Logik überraschend kräftig fort: Es ist zum Prüfstein der Modallogik geworden. Kurt Gödel formalisierte einen ontologischen Beweis mit den Mitteln der Modallogik, und Alvin Plantinga rekonstruierte Anselms Gedanken als Argument über „mögliche Welten“ – existiert ein notwendiges, maximal vollkommenes Wesen in einer möglichen Welt, so existiert es in allen. Damit ist Anselms mittelalterliche Begriffsanalyse zum Testfall für automatisierte Beweisassistenten geworden: Gödels Variante wurde mit Computer-Theorembeweisern auf ihre formale Gültigkeit hin überprüft. Der Mönch aus Bec liefert so, ohne es zu ahnen, ein Lehrstück darüber, wie weit sich Existenzaussagen rein aus Begriffen und Notwendigkeitsoperatoren herleiten lassen – und wo die Grenze zwischen logischer Gültigkeit und realer Existenz verläuft.

Wahrheitsbegriff

Anselm entwickelt in „De veritate“ einen eigenständigen Wahrheitsbegriff: Wahrheit ist „rectitudo“ – Richtigkeit, die nur dem Geist wahrnehmbar ist. Etwas ist wahr, wenn es ist, was es sein soll: Eine Aussage ist wahr, wenn sie bezeichnet, was sie zu bezeichnen bestimmt ist; ein Ding ist wahr, wenn es seiner Bestimmung im göttlichen Plan entspricht. Wahrheit hat damit eine sollensmäßige, normative Struktur und ist nicht bloß die Übereinstimmung von Aussage und Sache. Über die vielen einzelnen Wahrheiten hinaus gibt es für Anselm eine einzige, höchste Wahrheit, die selbst von nichts abhängt und Grund aller anderen Wahrheiten ist – Gott. So mündet seine Wahrheitslehre, wie sein ganzes Denken, in die Theologie.

Subjekt & Objekt

Das ontologische Argument lebt von einer kühnen Voraussetzung über das Verhältnis von Denken und Sein: dass aus dem rein im Verstand (in intellectu) vorhandenen Begriff auf das wirklich (in re) Existierende geschlossen werden könne. Anselm setzt voraus, dass der menschliche Geist im Begriff des Vollkommensten an einer Ordnung teilhat, die nicht bloß subjektive Vorstellung ist, sondern objektiv im göttlichen Grund verankert liegt. Gerade an diesem Übergang vom Gedachten zum Seienden entzündete sich aller Widerspruch: Kant hielt Anselm vor, er habe einen logischen Begriff (Subjekt) und eine reale Setzung (Existenz) unzulässig vermengt – das Sein eines Dinges lasse sich niemals aus dem bloßen Begriff des Subjekts herausanalysieren. Anselms Vertrauen, dass der Begriff selbst schon Wirklichkeit verbürgt, markiert so einen der großen Streitpunkte über das Verhältnis von Subjekt und Objekt.

Logische Beweise & Argumente

Der ontologische Gottesbeweis aus dem Proslogion

Anselm will Gottes Existenz nicht aus der Welt erschließen, sondern allein aus dem Begriff Gottes – ein Beweis a priori, der ohne jede Erfahrung auskommt. Sein Hebel ist der Vergleich zwischen dem bloß Gedachten und dem wirklich Existierenden.

  1. P1Unter „Gott“ verstehen wir „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ (id quo maius cogitari nequit).
  2. P2Auch wer Gottes Existenz leugnet, versteht den Ausdruck – also existiert dieses Größte zumindest im Verstand als Gedachtes.
  3. P3Was sowohl im Verstand als auch in der Wirklichkeit existiert, ist größer als das, was nur im Verstand existiert.
  4. P4Angenommen, „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“, existierte nur im Verstand: Dann ließe sich ein Größeres denken – nämlich dasselbe, das auch in Wirklichkeit existiert.
  5. Dann aber wäre „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“, etwas, worüber hinaus doch ein Größeres gedacht werden kann – ein Widerspruch. Also muss Gott nicht nur im Verstand, sondern auch in der Wirklichkeit existieren.

Der Beweis ist der erste rein begriffliche Gottesbeweis der Geschichte: Existenz wird hier wie eine Vollkommenheit behandelt, die dem vollkommensten Begriff zukommen muss. Schon Anselms Zeitgenosse, der Mönch Gaunilo von Marmoutiers, wandte in „Liber pro insipiente“ (Für den Toren) ein, man könne nach demselben Muster auch eine vollkommenste Insel herbeibeweisen – Anselm entgegnete, das Argument gelte einzig für das absolut Größte, das gar nicht als nicht-existierend gedacht werden könne. Später trennte Thomas von Aquin das Argument von der menschlichen Erkenntnislage ab, Descartes und Leibniz erneuerten es, und Kant erteilte ihm mit seinem berühmten Satz „Sein ist offenbar kein reales Prädikat“ die klassische Absage – die Debatte reicht bis in die moderne Modallogik (Gödel, Plantinga) hinein.

Hauptwerke

  • Monologion (1076)

    Ein „Selbstgespräch“ der Vernunft, das die Existenz und das Wesen Gottes allein aus der Vernunft entwickelt – über die Stufung des Guten und Seienden hin zu einem höchsten Sein. Vorstufe des berühmteren Proslogion.

  • Proslogion (1077–1078)

    Das Hauptwerk: Hier entfaltet Anselm in Gebetsform den ontologischen Gottesbeweis aus der Formel „id quo maius cogitari nequit“. Der ursprüngliche Titel lautete „Fides quaerens intellectum“ – Glaube, der nach Einsicht sucht.

  • Cur Deus homo (Warum Gott Mensch wurde, 1098)

    Anselms reife Erlösungslehre: Mit der Satisfaktionstheorie begründet er allein aus Vernunftgründen, warum die Menschwerdung Gottes notwendig war, um die durch die Sünde verletzte göttliche Ordnung wiederherzustellen.

  • De veritate (Über die Wahrheit)

    Ein Dialog über den Wahrheitsbegriff: Wahrheit als „rectitudo“, als Richtigkeit, die nur dem Geist wahrnehmbar ist – mit einer einzigen, höchsten Wahrheit in Gott als Grund aller wahren Dinge.

Zitate

Ich glaube, damit ich verstehe. Denn auch das glaube ich, dass ich, wenn ich nicht glaubte, nicht verstehen würde.

Proslogion (1077/78), Kap. 1

Wir glauben, dass du etwas bist, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.

Proslogion (1077/78), Kap. 2

Du bist also so wahrhaft, Herr, mein Gott, dass du nicht einmal als nicht seiend gedacht werden kannst.

Proslogion (1077/78), Kap. 3

Aus dem Leben

Der Gedanke, der ihn nicht losließ

Anselm berichtet im Vorwort des „Proslogion“, wie ihn der Gedanke an einen einzigen, in sich genügenden Beweis Gottes über Tage hinweg verfolgte. Er suchte ein Argument, das nichts anderes zu seiner Begründung brauchte als sich selbst – und gerade dieses Suchen quälte ihn: Mal glaubte er die Idee fast gefasst zu haben, mal entglitt sie ihm ganz, sodass er sie schließlich aufzugeben versuchte, weil sie ihn vom Gebet und von seinen Pflichten abhielt. Doch je entschiedener er sie abzuwehren suchte, desto hartnäckiger drängte sie sich auf. Dann, so erzählt er, sei ihm der ersehnte Gedanke unerwartet zugefallen, als er gar nicht mehr danach suchte – und voller Freude habe er ihn niedergeschrieben. So entstand mitten im Klosterleben von Bec eines der folgenreichsten Argumente der abendländischen Philosophie.

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