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A
Mittelalter · ca. 500 – 1400

Avicenna (Ibn Sina)

980–1037

Der größte Denker des islamischen Mittelalters und einer der einflussreichsten Metaphysiker überhaupt. Mit der Unterscheidung von Essenz und Existenz und dem „fliegenden Mann“ stellte Ibn Sina Fragen, die von Thomas von Aquin bis Descartes nachhallen.

Islamische PhilosophieMetaphysik
Essenz und Existenz – allegorische Illustration

Bekanntestes Konzept

Essenz und Existenz – das Was und das Dass

Avicennas Grundunterscheidung: Was ein Ding ist (seine Essenz, sein Wesen), und dass es überhaupt ist (seine Existenz), sind zweierlei. Im Begriff eines Pferdes oder eines Dreiecks liegt vollständig, was es ist – aber nicht, dass es wirklich existiert. „Pferdheit ist nur Pferdheit“: aus dem Wesen allein folgt nie das Dasein. Für jedes endliche Ding muss die Existenz also von außen hinzukommen, ihm „verliehen“ werden. Nur bei einem einzigen Sein fallen Was und Dass zusammen – beim notwendig Seienden, dessen Wesen es ist, zu existieren. Damit wird die Existenz von einer selbstverständlichen Voraussetzung zu einem eigenen metaphysischen Problem.

Abu Ali al-Husain ibn Sina, im lateinischen Westen Avicenna genannt, war Arzt, Naturforscher und vor allem der überragende Philosoph des östlichen Islam. Sein enzyklopädisches Werk „Das Buch der Genesung“ (Kitab al-Schifa) systematisierte die aristotelische und neuplatonische Tradition zu einem geschlossenen Lehrgebäude, das Jahrhunderte lang das Denken in Orient und Okzident prägte. Sein medizinischer „Kanon“ (al-Qanun fi al-tibb) blieb bis weit in die Neuzeit Lehrbuch an europäischen Universitäten. Im Zentrum seiner Philosophie steht eine folgenreiche Einsicht: dass das Dass-Sein eines Dinges – seine Existenz – nicht aus seinem Was-Sein – seiner Essenz – folgt. Aus dieser Unterscheidung entwickelt Avicenna seine ganze Metaphysik: den Aufstieg vom bloß möglichen Sein der Dinge zu einem einzigen notwendigen Sein, das seine Existenz aus sich selbst hat. Mit dem Gedankenexperiment des „fliegenden Mannes“ legte er zudem einen frühen Versuch vor, das reine Selbstbewusstsein des Menschen unabhängig von allem Körperlichen aufzuweisen.

Kernideen

  • 1.Realdistinktion von Essenz und Existenz: Bei allen geschaffenen Dingen ist das Wesen (was etwas ist) von der Existenz (dass es ist) unterschieden; die Existenz folgt nicht aus dem Wesen, sondern kommt ihm hinzu.
  • 2.Das mögliche Seiende (mumkin al-wugud): Jedes Ding, dessen Wesen seine Existenz nicht einschließt, ist an sich nur möglich – es kann sein oder nicht sein – und braucht einen Grund außerhalb seiner selbst, um wirklich zu existieren.
  • 3.Das notwendige Seiende (wagib al-wugud): Es gibt genau ein Sein, dessen Wesen es ist zu existieren – das aus sich selbst notwendig, ungeworden, einfach und ursachenlos ist; es ist der letzte Grund aller bloß möglichen Dinge (Gott).
  • 4.Der Existenzbeweis aus der Kontingenz: Da nichts bloß Mögliches sich selbst ins Dasein setzen kann und ein unendlicher Regress von Ursachen das Sein nicht trägt, muss ein notwendiges Sein existieren.
  • 5.Der „fliegende Mann“: Ein Mensch, der ohne jede Sinneswahrnehmung und Körperempfindung ins Dasein träte, wüsste dennoch um sich selbst – das Selbstbewusstsein des Ich ist von allem Körperlichen unabhängig.
  • 6.Emanation des Kosmos: Aus dem Einen notwendigen Sein geht in einer Stufenfolge von Intelligenzen die geordnete Welt hervor; die unterste, der „tätige Verstand“ (intellectus agens), verleiht den Dingen Form und dem Menschen Erkenntnis.
  • 7.Theorie der Erkenntnis durch Abstraktion und tätigen Verstand: Der menschliche Verstand gewinnt allgemeine Begriffe, indem die Intelligibilien vom tätigen Verstand auf die vorbereitete Seele „einstrahlen“.
  • 8.Das Allgemeine als „dreifach betrachtbar“: Das Wesen (etwa „Pferdheit“) ist an sich weder allgemein noch einzeln – allgemein wird es erst im Denken, einzeln erst in den Dingen.

Bezug zur Technikphilosophie

Avicennas „fliegender Mann“ ist in der modernen Bewusstseinsphilosophie und in den Debatten um Künstliche Intelligenz neu aktuell geworden: Er stellt – lange vor Descartes – die Frage nach einem rein immateriellen Selbstbewusstsein, das sich unabhängig von jedem körperlichen Substrat seiner selbst gewiss ist. Genau diese Annahme bestreiten heutige Theorien des „embodied mind“, die Bewusstsein an einen verkörperten Organismus binden. Auch die Frage, ob ein System ohne Körper und ohne Sinne überhaupt ein „Ich“ haben könnte, berührt unmittelbar Avicennas Gedankenexperiment. Seine Unterscheidung von Essenz und Existenz wiederum schärft den Blick dafür, dass kein noch so vollständiges Modell eines Dinges – etwa eine formale Spezifikation – über dessen tatsächliche Existenz entscheidet.

Wahrheitsbegriff

Avicennas Wahrheitsbegriff ist eng an seine Metaphysik des Seins gebunden: Wahrheit ist für ihn vor allem die Übereinstimmung des Urteils mit dem, was in den Dingen tatsächlich der Fall ist, zugleich aber besitzt jedes Ding eine „Wahrheit“ (haqiqa) im Sinne dessen, was es seinem Wesen nach wirklich ist. Höchste Wahrheit kommt dem notwendigen Sein zu, das die reinste Wirklichkeit ist. Erkannt wird Wahres, indem der menschliche Verstand die intelligiblen Formen empfängt, die ihm vom „tätigen Verstand“ einstrahlen – Erkenntnis ist also nicht bloßes Konstruieren, sondern ein Aufnehmen der im Kosmos angelegten Formen.

Subjekt & Objekt

Im „fliegenden Mann“ trennt Avicenna das erkennende Subjekt radikal von allem Objektiv-Körperlichen: Das Ich ist sich seiner selbst gewiss, noch bevor es irgendein Objekt – auch den eigenen Leib – wahrnimmt. Damit gewinnt das Selbstbewusstsein eine Unabhängigkeit, die das Subjekt nicht aus der Außenwelt ableitet. In der Erkenntnis der Welt hingegen bleibt das Subjekt empfangend: Die allgemeinen Begriffe entstehen nicht aus dem Subjekt allein, sondern werden ihm vom tätigen Verstand zugeleitet, sobald die Seele durch Abstraktion vorbereitet ist. So steht bei Avicenna ein in sich gewisses Subjekt einer geordneten Welt gegenüber, deren Formen es nicht erfindet, sondern empfängt.

Beitrag zur Wissenschaftstheorie

Avicenna ordnet die Wissenschaften streng nach ihren Gegenständen und ihrem Abstraktionsgrad: Die Naturwissenschaft handelt von dem, was an Bewegung und Materie gebunden ist, die Mathematik von dem, was nur im Denken von der Materie getrennt wird, und die Metaphysik (die „erste Philosophie“) vom Seienden als Seiendem überhaupt. Die Metaphysik ist für ihn die grundlegende Wissenschaft, weil sie nicht von einem besonderen Bereich, sondern vom Sein als solchem handelt und damit die Prinzipien aller anderen Wissenschaften sichert. Erkenntnis vollzieht sich nach aristotelischem Muster über sichere erste Prinzipien und den syllogistischen Beweis (burhan), wobei der tätige Verstand die letzte Quelle der intelligiblen Einsicht bleibt.

Logische Beweise & Argumente

Der Beweis des notwendigen Seins aus der Kontingenz des Möglichen

Avicennas berühmtester metaphysischer Beweis (im Westen als „Beweis aus der Möglichkeit und Notwendigkeit“ rezipiert) führt von der bloßen Möglichkeit der Dinge auf ein notwendiges Sein. Er beruht ganz auf der Unterscheidung von Essenz und Existenz.

  1. P1Jedes Ding, dessen Wesen seine Existenz nicht einschließt, ist an sich nur möglich (kontingent): Es kann existieren oder nicht, und seine Existenz folgt nicht aus seinem Wesen.
  2. P2Was an sich nur möglich ist, existiert nicht von sich aus, sondern bedarf einer Ursache, die ihm die Existenz verleiht und so seine Existenz gegenüber seiner Nichtexistenz „bevorzugt“.
  3. P3Die Gesamtheit aller bloß möglichen Dinge ist selbst nur möglich und kann ihre Existenz nicht aus sich selbst haben; und eine unendliche Kette nur möglicher Ursachen trägt das Sein des Ganzen nicht, weil in ihr nirgends ein Grund liegt, der aus sich selbst existiert.
  4. P4Folglich muss es, damit überhaupt etwas existiert, ein Sein geben, das nicht bloß möglich, sondern aus sich selbst notwendig ist – ein Sein, dessen Wesen es ist zu existieren.
  5. Also existiert ein notwendig Seiendes (wagib al-wugud), bei dem Essenz und Existenz zusammenfallen und das der letzte, ursachenlose Grund aller möglichen Dinge ist.

Anders als der spätere kosmologische Beweis setzt Avicenna nicht bei Bewegung oder zeitlichem Anfang an, sondern bei der bloßen Struktur des Seins: Schon dass die Dinge überhaupt existieren, obwohl ihr Wesen das Dasein nicht erzwingt, verlangt einen letzten Grund. Thomas von Aquin übernahm diese Unterscheidung von Essenz und Existenz und machte sie zum Kern seiner eigenen Gotteslehre; der Beweis gehört damit zu den wirkmächtigsten Argumenten der gesamten Philosophiegeschichte.

Der „fliegende Mann“ – das Selbstbewusstsein des Ich

Mit einem kühnen Gedankenexperiment will Avicenna zeigen, dass die Seele bzw. das Selbst sich seiner selbst unmittelbar bewusst ist, ganz unabhängig von Körper und Sinneswahrnehmung.

  1. P1Man stelle sich einen erwachsenen Menschen vor, der in diesem Augenblick vollständig und auf einmal erschaffen wird – schwebend in leerer Luft, mit verhüllten Augen, ohne jede Sinnesempfindung, ohne dass er Gliedmaßen oder Körper berührt oder wahrnimmt.
  2. P2In diesem Zustand nähme er nichts Äußeres und nichts von seinem eigenen Körper wahr; er hätte keinerlei sinnliche Vorstellung von Armen, Beinen oder Leib.
  3. P3Dennoch würde er nicht zögern, die Existenz seines eigenen Selbst – seines Ich – zu bejahen, denn er ist sich seiner selbst unmittelbar gewiss.
  4. Da er sein Selbst bejaht, ohne irgendetwas Körperliches zu bejahen, ist das Selbst, dessen er sich bewusst ist, nicht mit dem Körper identisch: Das Ich erfasst sich als etwas vom Körper Unabhängiges.

Avicenna nutzt das Argument, um die Selbständigkeit und Unkörperlichkeit der vernünftigen Seele zu erweisen. In seiner Verknüpfung von unmittelbarer Selbstgewissheit und Leibabstraktion klingt es erstaunlich modern und wird oft als ferner Vorläufer von Descartes’ „cogito ergo sum“ angeführt – auch wenn Avicenna kein methodischer Zweifel, sondern der Aufweis der immateriellen Seele leitet. Schon mittelalterliche Kritiker wandten ein, das Experiment zeige zwar, dass man den Körper nicht wahrnimmt, nicht aber, dass das Selbst real vom Körper getrennt ist.

Hauptwerke

  • Das Buch der Genesung (Kitab al-Schifa, um 1020–1027)

    Avicennas philosophische Enzyklopädie über Logik, Naturphilosophie, Mathematik und Metaphysik. Die „Metaphysik“ (Ilahiyyat) dieses Werks enthält die Lehre von Essenz und Existenz sowie den Aufstieg zum notwendigen Sein und wurde im lateinischen Westen als „Liber de philosophia prima“ grundlegend.

  • Das Buch der Errettung (Kitab al-Nagat)

    Eine von Avicenna selbst erstellte, gestraffte Zusammenfassung der „Schifa“ – ein kompakter Überblick über seine Logik, Physik und Metaphysik für ein breiteres Publikum.

  • Der Kanon der Medizin (al-Qanun fi al-tibb, um 1025)

    Das große medizinische Hauptwerk, das die griechische und arabische Heilkunde systematisierte und über Jahrhunderte – bis ins 17. Jahrhundert – Standardlehrbuch an den Universitäten Europas blieb.

  • Die Hinweise und Ermahnungen (Kitab al-Ischarat wa-l-tanbihat)

    Avicennas philosophisches Spätwerk, knapp und anspielungsreich gehalten, in dem er Logik, Metaphysik und auch mystisch gefärbte Themen der Gotteserkenntnis verdichtet darstellt.

Zitate

Pferdheit ist nichts als Pferdheit allein; an sich ist sie weder eines noch vieles, weder existierend in den Dingen noch in der Seele.

sinngemäß zugeschrieben, Metaphysik der Schifa (über das Wesen)

Das notwendig Seiende hat sein Sein aus sich selbst; das mögliche Seiende empfängt sein Sein von einem anderen.

sinngemäß, Kitab al-Schifa, Ilahiyyat

Stellt euch einen Menschen vor, der mit einem Schlag erschaffen wird, schwebend in der Luft, ohne dass er etwas von seinem Körper wahrnimmt – und doch wird er das Dasein seines Selbst bejahen.

sinngemäß, das Argument des „fliegenden Mannes“, Kitab al-Schifa

Aus dem Leben

Der Knabe, der alles gelesen hatte

Avicenna galt als Wunderkind: Schon mit zehn Jahren hatte er den Koran und einen großen Teil der arabischen Literatur auswendig gelernt, mit achtzehn galt er als ausgelernt in allen Wissenschaften seiner Zeit. Über Aristoteles’ „Metaphysik“ aber, so berichtet er in seiner Autobiografie, sei er fast verzweifelt: Vierzigmal habe er das Buch gelesen und es schließlich auswendig gekonnt, ohne seinen Sinn zu verstehen. Erst als er zufällig auf einem Buchmarkt für wenig Geld einen Kommentar al-Farabis erwarb, ging ihm das Ganze plötzlich auf – aus Dankbarkeit, so heißt es, habe er den Armen ein Almosen gegeben. Seine Heilkunst brachte ihn an die Höfe der Fürsten, doch sein ruheloses, oft von politischen Wirren bedrohtes Leben ließ ihm wenig Frieden; viele seiner Werke schrieb er auf der Flucht oder im Gefängnis.

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