Die Schlüsselbegriffe der Philosophie – mit Wortherkunft, präziser Definition und den Denkern, die sie geprägt haben. Geprüft, nicht vereinfacht.
A priori und a posteriori
Lateinisch: a priori = „vom Früheren her", a posteriori = „vom Späteren her". Gemeint ist das Frühere bzw. Spätere im Verhältnis zur Erfahrung – also Erkenntnis vor bzw. nach aller Sinneswahrnehmung.
Die Unterscheidung zwischen Erkenntnis, die unabhängig von aller Erfahrung gilt (a priori), und Erkenntnis, die sich erst aus der Erfahrung ergibt (a posteriori).
Die Begriffe stammen ursprünglich aus der scholastischen Logik, wurden jedoch durch Immanuel Kant zur Grundunterscheidung der Erkenntnistheorie erhoben. A priori ist eine Erkenntnis, die allgemein und notwendig gilt und nicht aus der Erfahrung abgeleitet werden kann – etwa „7 + 5 = 12" oder der Satz, dass jede Veränderung eine Ursache hat; a posteriori ist alles, was wir erst durch Beobachtung erfahren, etwa dass dieser Stein heute warm ist. Kants entscheidende Frage lautet, wie „synthetische Urteile a priori" – erkenntniserweiternde und zugleich erfahrungsunabhängige Sätze – überhaupt möglich sind. Damit grenzt er sich sowohl vom Empirismus Humes, der alle substanzielle Erkenntnis auf Erfahrung zurückführt, als auch vom reinen Rationalismus ab. Im 20. Jahrhundert hat Saul Kripke gezeigt, dass a priori/a posteriori (eine erkenntnistheoretische Unterscheidung) nicht mit notwendig/zufällig (einer metaphysischen Unterscheidung) zusammenfällt, und Beispiele für das Notwendige a posteriori sowie das Zufällige a priori vorgelegt.
Aletheia
Griech. ἀλήθεια (alḗtheia), aus dem Alpha privativum a- ("un-") und dem Wortstamm λαθ-/ληθ- (lath-/lēth-), der dem Verb λανθάνειν (lanthánein, "verborgen sein, unbemerkt bleiben") und dem Substantiv λήθη (lḗthē, "Vergessen, Verborgenheit") zugrunde liegt; wörtlich also "Un-verborgenheit", "Nicht-Verborgensein".
Aletheia bezeichnet Wahrheit nicht primär als Übereinstimmung von Aussage und Sache, sondern als Unverborgenheit – das Hervortreten des Seienden aus der Verborgenheit ins Offene.
Schon bei den Vorsokratikern, namentlich Parmenides und Heraklit, steht alḗtheia für das unverstellte Erscheinen dessen, was ist. Martin Heidegger machte den Begriff zum Zentrum seiner Wahrheitsfrage: Gegen die traditionelle Bestimmung von Wahrheit als adaequatio (Angleichung von Verstand und Sache) liest er das griechische Wort wörtlich als "Un-Verborgenheit" und versteht Wahrheit als Geschehen, in dem Seiendes sich zeigt – stets begleitet von einem Sichentziehen, der lḗthē. So gehören Entbergung und Verbergung untrennbar zusammen; jedes Offenbarwerden verdankt sich einer "Lichtung", in der die Dinge überhaupt erst erscheinen können.
Aporie
Von griech. „aporía" (ἀπορία), wörtlich „Weglosigkeit, Ausweglosigkeit" – aus „a-" (un-) und „póros" (Weg, Durchgang, Furt). Wörtlich also: das Fehlen eines gangbaren Weges.
Eine Aporie ist die ausweglose Verlegenheit des Denkens, in der ein Problem auf gleich gut begründete, aber einander widersprechende Antworten führt und so kein Weiterkommen erlaubt.
Klassisch wird die Aporie mit den frühen Dialogen Platons verbunden, in denen Sokrates seine Gesprächspartner durch Nachfragen dahin führt, dass sie ihr vermeintliches Wissen (etwa über Tapferkeit oder Frömmigkeit) nicht mehr verteidigen können und ratlos zurückbleiben – das eingestandene Nichtwissen als Ausgangspunkt echten Suchens. Aristoteles wendet die Aporie methodisch: Er stellt zu Beginn einer Untersuchung die „Diaporien", die einander widerstreitenden Schwierigkeiten, zusammen, um sie anschließend aufzulösen. Gemeint ist also nicht bloßes Scheitern, sondern der produktive Moment, in dem die Selbstverständlichkeit einer Auffassung zerbricht; in der modernen Philosophie (etwa bei Derrida) bezeichnet Aporie zudem den unauflösbaren Widerspruch, der einem Begriff selbst innewohnt.
Arete (Tugend)
Von altgriechisch ἀρετή (aretē), wörtlich „Tüchtigkeit", „Vortrefflichkeit" oder „Bestensein"; etymologisch verwandt mit ἀρι- (ari-, „best-") und dem Superlativ ἄριστος (aristos, „der Beste"). Ursprünglich nicht moralisch, sondern als Tauglichkeit verstanden – die Eigenschaft, durch die ein Ding seine Funktion vorzüglich erfüllt.
Arete bezeichnet die Vortrefflichkeit oder Tauglichkeit, durch die ein Wesen oder Ding seine ihm eigene Bestimmung (sein Werk, érgon) in vollkommener Weise erfüllt.
Der Begriff durchzieht die gesamte griechische Ethik: Bei Sokrates und Platon wird Arete eng an das Wissen vom Guten gebunden – Tugend ist Wissen, und niemand handelt wissentlich schlecht. Aristoteles unterscheidet in der Nikomachischen Ethik die ethischen Tugenden (etwa Tapferkeit, Besonnenheit), die als Mitte (mesótēs) zwischen zwei Extremen durch Gewöhnung erworben werden, von den dianoetischen (Verstandes-)Tugenden wie Klugheit und Weisheit. Charakteristisch ist der funktionale Kern: So wie die Arete eines Messers im guten Schneiden liegt, besteht die Arete des Menschen in der vorzüglichen Ausübung seiner spezifischen Tätigkeit, der vernunftgemäßen Seelentätigkeit, die in die Eudaimonia (gelingendes Leben) mündet.
Cogito ergo sum
Latein: cogito „ich denke“, ergo „also“, sum „ich bin“ – wörtlich „ich denke, also bin ich“. Die lateinische Formel selbst stammt nicht aus dem (französischen) Discours von 1637 – dort heißt es „Je pense, donc je suis“ –, sondern aus Descartes' „Principia Philosophiae“ (1644).
Die unbezweifelbare Grundgewissheit, dass das eigene Denken die Existenz des denkenden Ich verbürgt.
René Descartes formulierte den Gedanken erstmals 1637 auf Französisch im „Discours de la méthode“ („Je pense, donc je suis“); die berühmte lateinische Formel „cogito ergo sum“ findet sich in den „Principia Philosophiae“ (1644). In den „Meditationes“ (1641) erscheint dieselbe Einsicht, dort jedoch in der Wendung „ego sum, ego existo“ (Meditation II). Descartes setzt das Cogito als archimedischen Punkt seiner methodischen Zweifel-Übung: Selbst wenn ein täuschender Geist (genius malignus) mich über alles betrügt, kann ich nicht über meine Existenz getäuscht werden, solange ich denke – denn der Akt des Zweifelns setzt einen Zweifelnden voraus. Das Cogito liefert damit das erste sichere Fundament, auf dem Descartes die Erkenntnis neu aufbauen will. Es ist keine logische Schlussfolgerung im engeren Sinn – Descartes selbst weist in den „Erwiderungen“ die Deutung als Syllogismus zurück –, sondern eine unmittelbare Selbstgewissheit des Denkenden im Vollzug des Denkens.
René Descartesverwandt: Methodischer Zweifel · Subjekt · Selbstbewusstsein · Gewissheit · Res cogitans Das Absurde
Von lat. „absurdus“ – wörtlich „misstönend, missklingend“ (von „ab-“ = ab, weg + „surdus“ = taub, dumpf, mute); übertragen „ungereimt, sinnwidrig, vernunftwidrig“.
Das Absurde ist nicht der Welt oder dem Menschen für sich eigen, sondern entspringt dem unaufhebbaren Widerspruch zwischen dem menschlichen Verlangen nach Sinn und Klarheit und dem Schweigen einer gleichgültigen, sinnlosen Welt.
Geprägt wurde der Begriff vor allem von Albert Camus, der ihn in „Der Mythos des Sisyphos“ (frz. 1942) zum Ausgangspunkt seines Denkens macht. Das Absurde liegt für ihn weder im Subjekt noch im Objekt allein, sondern in ihrer Konfrontation: in der „Scheidung“ zwischen dem Geist, der nach Einheit und Sinn fragt, und einem Universum, das darauf keine Antwort gibt. Camus fordert nicht, diesen Widerspruch durch Selbstmord oder durch einen religiösen bzw. philosophischen „Sprung“ (so seine Kritik an Kierkegaard) aufzulösen, sondern ihn hellsichtig auszuhalten – Sisyphos, der seinen Stein ewig wälzt, ist das Sinnbild des Menschen, der das Absurde annimmt und gerade darin gegen es revoltiert.
Albert Camusverwandt: Sinn · Revolte · Existenz · Nihilismus · Geworfenheit Dasein
Deutsch, aus „da“ (dort, hier) und „sein“ – wörtlich „Da-sein“, das „Sein-da“, das jeweils erschlossene Hier-und-Jetzt-Sein. Das Wort entstand im 18. Jahrhundert (etwa bei Wolff und Mendelssohn) als Verdeutschung des lateinischen existentia und war seither bei Kant, Hegel u. a. geläufig; Heidegger übernahm es, deutete es jedoch bewusst gegen diese Tradition um.
„Dasein“ bezeichnet bei Heidegger jenes Seiende – den Menschen –, dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht und dem das Sein überhaupt erschlossen ist.
Seine philosophisch prägende, fundamentalontologische Bedeutung gab dem älteren Wort Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ (1927). Dort ersetzt „Dasein“ das herkömmliche „Subjekt“ oder „Mensch“, um jede vorgängige Bestimmung als Substanz oder Vernunftwesen zu vermeiden. Das Dasein ist kein vorhandenes Ding, sondern das Seiende, das sich zu seinem eigenen Sein verhält und es als Möglichkeit zu ergreifen oder zu verfehlen hat; seine Grundverfassung ist das „In-der-Welt-sein“. Abzugrenzen ist Heideggers Gebrauch vom alltäglichen Sinn („Existenz, Vorhandensein“) und vom älteren philosophischen Gebrauch bei Wolff, Kant, Hegel oder Jaspers, bei denen „Dasein“ diese fundamentalontologische Sonderstellung nicht trägt.
Martin Heideggerverwandt: In-der-Welt-sein · Existenz · Sein · Sorge · Eigentlichkeit Dialektik
Von griech. „dialektikḗ (téchnē)" – die „Kunst der Gesprächsführung", abgeleitet von „dialégesthai" („sich unterreden, im Gespräch durchgehen").
Dialektik bezeichnet das Denken in Gegensätzen und deren Vermittlung – ein Verfahren, in dem Wahrheit durch das Aufeinanderprallen und die Aufhebung widerstreitender Positionen entsteht.
Ursprünglich meinte Dialektik bei Platon die Kunst, im Gespräch durch Frage und Antwort zu wahrer Erkenntnis aufzusteigen – die methodische Bewegung des Denkens hin zu den Ideen. Hegel verwandelte sie in das Grundgesetz der Wirklichkeit selbst: Jede Bestimmung (oft schematisiert als These) treibt ihren Widerspruch (Antithese) hervor, und beide werden in einer höheren Einheit „aufgehoben" (Synthese), die das Frühere zugleich negiert, bewahrt und steigert. Die populäre Formel „These–Antithese–Synthese" stammt allerdings nicht von Hegel selbst, sondern geht auf Fichte und vor allem auf Heinrich Moritz Chalybäus zurück. Marx übernahm Hegels dialektische Bewegung, stellte sie aber „vom Kopf auf die Füße": Nicht der Geist, sondern die materiellen Produktionsverhältnisse und der Klassengegensatz treiben den geschichtlichen Prozess voran (dialektischer und historischer Materialismus).
Ding an sich
Deutsch: „Ding" (Sache, Gegenstand) und die reflexive Wendung „an sich" – wörtlich der Gegenstand, wie er „an sich selbst" ist, unabhängig von jeder Bezugnahme auf ein erkennendes Subjekt.
Das „Ding an sich" ist der Gegenstand, wie er unabhängig von unserer Anschauung und ihren Bedingungen (Raum, Zeit, Kategorien) besteht – und gerade darum für uns prinzipiell unerkennbar bleibt.
Der Begriff wurde von Immanuel Kant in der „Kritik der reinen Vernunft" (1781) systematisch geprägt. Kant unterscheidet die Erscheinung (das Ding, sofern es uns unter den Formen von Raum, Zeit und den Verstandeskategorien gegeben ist) vom Ding an sich (Noumenon), das diesen Bedingungen nicht unterworfen ist und deshalb nicht erkannt, sondern nur gedacht werden kann. Wir erkennen also nie die Dinge, wie sie an sich sind, sondern stets nur, wie sie uns erscheinen; das Ding an sich markiert damit die Grenze möglicher Erkenntnis und zugleich den Grund dafür, dass uns überhaupt etwas affiziert. Spätere Denker wie Fichte, Schelling und Hegel kritisierten die Annahme einer prinzipiell unerkennbaren Realität, während Schopenhauer das Ding an sich mit dem „Willen" identifizierte.
Immanuel Kantverwandt: Erscheinung (Phänomen) · Noumenon · Transzendentaler Idealismus · Anschauungsformen (Raum/Zeit) · Kategorien Entfremdung
Deutsch „entfremden“, von mittelhochdeutsch „vremeden/vremden“ (fremd machen, entfremden); im Lateinischen entspricht „alienatio“ (von „alienus“ = fremd, einem anderen gehörend), wörtlich also das Sich-fremd-Werden bzw. Übergehen an einen anderen.
Entfremdung bezeichnet den Zustand, in dem der Mensch sich selbst, seinem eigenen Tun oder seinen Hervorbringungen als etwas Fremdem, ihm Gegenüberstehendem und Beherrschendem gegenübersteht.
Hegel führt den Begriff (in der „Phänomenologie des Geistes“ als Entäußerung/Entfremdung) systematisch ein: Der Geist setzt sich in der Welt als ein ihm zunächst Fremdes, um sich darin schließlich wiederzuerkennen und zu sich zurückzukehren. Marx greift dies in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ (1844) auf und wendet es materialistisch: In der kapitalistischen Lohnarbeit entfremdet sich der Arbeiter vom Produkt seiner Arbeit, das ihm als fremde Macht gegenübertritt, vom Akt des Arbeitens selbst, von seinem Gattungswesen und von den anderen Menschen. Die Arbeit, eigentlich Ausdruck menschlicher Selbstverwirklichung, wird so zu einer bloß äußerlichen, erzwungenen Tätigkeit – im Unterschied zu Hegel, bei dem die Entfremdung im Denken aufgehoben wird, fordert Marx ihre praktische Aufhebung durch Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Vorbereitet wird diese materialistische Wendung durch Feuerbachs Religionskritik (Entfremdung als Projektion des menschlichen Wesens auf Gott); bei Rousseau findet sich bereits die kulturkritische Vorform der gesellschaftlichen Selbstentfremdung des Menschen.
Epoché
Von griech. ἐποχή (epoché) „Anhalten, Innehalten, Zurückhaltung“; abgeleitet von ἐπέχειν (epéchein) „an sich halten, zurückhalten“ – also wörtlich das Anhalten des Urteils.
Die Epoché ist die methodische Enthaltung vom Urteil über das Sein der Welt – das „Einklammern“ jeder Geltungssetzung, um zur reinen Gegebenheit der Phänomene vorzudringen.
Ursprünglich prägten die antiken Skeptiker (Pyrrhon, später die Akademie) den Begriff als Urteilsenthaltung (epoché), die angesichts der Gleichwertigkeit gegensätzlicher Argumente (Isosthenie) zur Seelenruhe (Ataraxie) führen sollte. Edmund Husserl übernahm das Wort und machte es zum Kernstück seiner Phänomenologie: In der phänomenologischen Epoché wird die „natürliche Einstellung“ – der selbstverständliche Glaube an die Existenz der Außenwelt – außer Geltung gesetzt, ohne ihn zu leugnen; man „klammert ein“, was gesetzt ist, und richtet den Blick allein auf das, wie etwas im Bewusstsein erscheint. Anders als beim Skeptiker bestreitet Husserl das Sein der Welt nicht, sondern enthält sich nur seiner Mitsetzung, um die Strukturen des reinen Bewusstseins (die transzendentale Subjektivität) freizulegen. Die Epoché ist damit das methodische Tor zur transzendental-phänomenologischen Reduktion.
Edmund Husserlverwandt: Phänomenologische Reduktion · Natürliche Einstellung · Intentionalität · Ataraxie · Skepsis Eudaimonia
Von griech. „eudaimonía“ (εὐδαιμονία), wörtlich „das Begleitetsein von einem guten Daimon“ bzw. „in der Obhut eines guten Schutzgeistes zu stehen“, aus „eu“ (gut, wohl) und „daímon“ (Schutzgeist, göttliche Macht); meist als „Glückseligkeit“ oder „gelingendes Leben“ übersetzt.
Eudaimonia bezeichnet das objektiv gelingende, in sich erfüllte menschliche Leben als Ganzes – nicht ein bloßes Gefühl, sondern die Verwirklichung des Menschen gemäß seiner besten Bestimmung.
Den Begriff entfaltet vor allem Aristoteles in der „Nikomachischen Ethik“ als das höchste Gut, auf das alles Handeln letztlich zielt und das um seiner selbst willen erstrebt wird. Eudaimonia ist für ihn kein subjektiver Lustzustand, sondern eine „Tätigkeit der Seele gemäß der Tugend (areté)“ über ein vollständiges Leben hinweg, getragen von der vernünftigen Bestimmung des Menschen. Sie ist von bloßem Vergnügen (hedoné) ebenso abzugrenzen wie von Ehre oder Reichtum, schließt aber äußere Güter und Glücksumstände als förderliche Bedingungen ein. Schon Sokrates und Platon hatten das gute Leben an Tugend und Seelenordnung gebunden; der Begriff wurde in Stoa und Epikureismus je verschieden weitergedacht.
Existenz vor Essenz
Lat. existentia („Heraustreten, Dasein", von ex-sistere „heraustreten, hervortreten") und essentia („Wesen, Sosein", von esse „sein", gebildet als Lehnübersetzung des griech. ousia). Wörtlich: das bloße Dass-Sein geht dem Was-Sein voraus.
Der Mensch existiert zuerst und bestimmt sein Wesen erst nachträglich durch seine eigenen Entwürfe und Handlungen, statt einer vorgegebenen Natur zu folgen.
Die Formel „l'existence précède l'essence" prägte Jean-Paul Sartre; ihre berühmte schlagwortartige Fassung stammt aus dem Vortrag „Der Existenzialismus ist ein Humanismus" (gehalten 1945, gedruckt 1946), entwickelt ist der Gedanke bereits in „Das Sein und das Nichts" (1943). Sie kehrt die klassische Metaphysik um, in der das Wesen einer Sache (ihre essentia) ihrer Verwirklichung vorausgeht: Ein Brieföffner etwa ist nach einem festen Begriff angefertigt, sein Wesen geht seiner Existenz voran. Für den Menschen gilt das laut Sartre nicht, da kein göttlicher Handwerker einen vorgängigen Begriff „Mensch" entworfen hat; er taucht zunächst nur auf und macht sich erst durch seine Wahlen zu dem, was er ist. Aus dieser Vorrangstellung der Existenz folgt die radikale Freiheit und die volle Verantwortung des Einzelnen, der sich nicht auf eine vorgegebene Natur, Werte oder Gott berufen kann.
Jean-Paul Sartreverwandt: Radikale Freiheit · Geworfenheit · Kontingenz · Unaufrichtigkeit (mauvaise foi) · Selbstentwurf Falsifikation
Von lat. „falsus“ (falsch) und „facere“ (machen), also „als falsch erweisen“. Substantiviert über spätlat. „falsificare“ (verfälschen, fälschen) – philosophisch jedoch im Sinne von „die Falschheit nachweisen“.
Falsifikation ist die empirische Widerlegung einer wissenschaftlichen Theorie durch Beobachtungen oder Experimente, die ihren Voraussagen widersprechen.
Der Begriff wurde von Karl Popper zum Kern seiner Wissenschaftstheorie gemacht: Da sich Allsätze („Alle Schwäne sind weiß“) durch noch so viele bestätigende Einzelfälle niemals endgültig verifizieren lassen, kann eine Theorie streng genommen nur widerlegt, nicht bewiesen werden. Schon eine einzige gegenteilige Beobachtung (ein schwarzer Schwan) genügt zur Falsifikation. Popper macht die Falsifizierbarkeit – die prinzipielle Möglichkeit, an der Erfahrung zu scheitern – zum Abgrenzungskriterium zwischen empirischer Wissenschaft und nicht-wissenschaftlichen Aussagen; wissenschaftlicher Fortschritt entsteht so durch Versuch und Irrtum, nicht durch kumulative Bestätigung.
Karl Popperverwandt: Verifikation · Abgrenzungskriterium · Induktion · Hypothese · Empirie Gesellschaftsvertrag
Deutsche Lehnbildung; „Gesellschaft" (Gemeinwesen, Zusammenleben) und „Vertrag" (lat. contractus, „das Zusammenziehen", die wechselseitige Bindung). Lehnübersetzung von lat./frz. contrat social bzw. engl. social contract – wörtlich „gesellschaftliche Übereinkunft".
Gedachte Übereinkunft freier Einzelner, durch die staatliche Herrschaft nicht aus Tradition oder göttlichem Recht, sondern allein aus der Zustimmung der Beherrschten ihre Legitimität gewinnt.
Die neuzeitliche Vertragstheorie – ausgearbeitet von Hobbes, Locke und Rousseau – denkt sich einen vorstaatlichen „Naturzustand", aus dem die Menschen durch einen wechselseitigen Vertrag in die bürgerliche Ordnung übertreten. Bei Hobbes („Leviathan", 1651) übertragen furchtsame Einzelne ihre Macht an einen nahezu unbeschränkten Souverän, um dem „Krieg aller gegen alle" zu entkommen; Locke bindet den Vertrag an den Schutz natürlicher Rechte und ein Widerstandsrecht, Rousseau an den „volonté générale", in dem der Bürger sich selbst die Gesetze gibt. Der Vertrag ist dabei meist keine historische Tatsache, sondern eine Vernunftidee, an der sich gerechte Herrschaft messen lassen muss – so radikalisiert in John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit" (1971), wo Grundsätze gewählt werden, die man hinter einem „Schleier des Nichtwissens" über die eigene Position akzeptieren würde.
Hermeneutik
Von griech. „hermēneuein“ (auslegen, deuten, übersetzen), zu „hermēneutikḗ téchnē“ – die „Kunst der Auslegung“; verwandt mit dem Götterboten Hermes als Vermittler.
Hermeneutik ist die Theorie und Kunst des Verstehens und Auslegens von Sinngebilden – ursprünglich von Texten, später jedes geschichtlich vermittelten Sinns.
Aus der antiken Text- und Bibelauslegung erwuchs bei Friedrich Schleiermacher und vor allem Wilhelm Dilthey eine methodische Grundlegung der Geisteswissenschaften: Dilthey stellte das „Verstehen“ als deren Verfahren dem „Erklären“ der Naturwissenschaften gegenüber. Hans-Georg Gadamer wandelte die Hermeneutik in „Wahrheit und Methode“ (1960) von einer Methodenlehre zur philosophischen Theorie des Verstehens als geschichtlicher Grundvollzug des Daseins. Zentrale Motive sind der „hermeneutische Zirkel“ (Teil und Ganzes erschließen sich wechselseitig), die produktive Rolle der „Vorurteile“ und die „Horizontverschmelzung“ zwischen Ausleger und Überlieferung – Verstehen ist demnach nie voraussetzungslos, sondern stets durch Tradition und Sprache vermittelt.
Intentionalität
Von lateinisch „intentio“ („Hinspannung, Ausrichtung“), zu „intendere“ („hinspannen, ausrichten, zielen“) – also die Gerichtetheit auf etwas.
Intentionalität ist die wesenhafte Gerichtetheit des Bewusstseins auf einen Gegenstand: Bewusstsein ist immer „Bewusstsein von etwas“.
Der Begriff stammt aus der scholastischen Tradition und wurde von Franz Brentano in die moderne Psychologie eingeführt, der die Gerichtetheit auf einen Gegenstand als das Merkmal alles Psychischen bestimmte. Edmund Husserl machte die Intentionalität zum Fundament der Phänomenologie: Jeder bewusste Akt – Wahrnehmen, Erinnern, Urteilen, Wünschen – ist auf etwas bezogen (man nimmt etwas wahr, erinnert sich an etwas). Damit unterläuft Husserl den cartesianischen Graben zwischen einem verschlossenen Inneren und einer äußeren Welt: Bewusstsein ist nie ein bloßer Behälter, sondern immer schon „bei den Sachen“. Husserl analysiert diese Korrelation als Verhältnis von Noesis (dem gerichteten Akt) und Noema (dem im Akt gemeinten Gegenstand).
Kategorischer Imperativ
Von griech. „katēgorikós" (behauptend, unbedingt aussagend, von „katēgoreín" = aussagen, behaupten) und lat. „imperare" (befehlen, gebieten); wörtlich also „unbedingt gebietend" – ein Gebot, das ohne Vorbedingung gilt.
Der Kategorische Imperativ ist das unbedingt und allgemeingültig gebietende Sittengesetz, das eine Handlung als an sich – nicht als Mittel zu einem Zweck – geboten fordert.
Den Begriff prägte Immanuel Kant in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (1785) und der „Kritik der praktischen Vernunft" (1788) als oberstes Prinzip der Moral. Im Unterschied zum hypothetischen Imperativ, der nur bedingt gilt („Wenn du X willst, tue Y"), gebietet der kategorische Imperativ schlechthin und unbedingt; seine bekannteste Fassung lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Eine weitere Formel verlangt, die Menschheit „niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck" zu behandeln. Maßgeblich ist nicht der Erfolg oder Nutzen einer Handlung, sondern allein die Verallgemeinerbarkeit ihres Beweggrundes aus reiner praktischer Vernunft.
Immanuel Kantverwandt: Maxime · Pflicht · Hypothetischer Imperativ · Autonomie · Sittengesetz Logos
Von griechisch „lógos“ (λόγος), zu „légein“ – sammeln, ordnen, sprechen. Wörtlich „das Gesagte / das Wort“, zugleich „Rechnung“, „Verhältnis“, „Maß“ und „Vernunft“; dieselbe Bedeutungsspanne (Vernunft und Verhältnis) liegt im lateinischen „ratio“ vor, und im deutschen Suffix „-logie“ lebt das Wort fort.
Der Logos ist das vernünftige Weltgesetz, das allem Geschehen Maß, Ordnung und Sinn gibt – zugleich Vernunft, Gesetz und „Wort“, in dem sich diese Ordnung ausspricht.
Den philosophischen Begriff prägte Heraklit von Ephesos: Für ihn durchwaltet ein gemeinsamer Logos das ewige Werden und stiftet im scheinbaren Chaos der Gegensätze eine verborgene Harmonie – ein Gesetz, dem die Erkennenden „lauschen“ sollen, das die meisten aber verfehlen, „als ob sie schliefen“. Die Stoa baute den Logos zum kosmischen Grundprinzip aus: Eine göttliche, alles durchdringende Weltvernunft – identisch mit Natur, Pneuma und Zeus – lenkt das All vernünftig und zweckmäßig, wobei die in der Materie wirkenden Zeugungskräfte (logoi spermatikoi, „Samenkräfte“) die einzelnen Dinge hervorbringen. Der menschliche Verstand ist ein Teil dieser Weltvernunft – weshalb das gute Leben heißt, „im Einklang mit der Vernunft“ (kata logon) zu leben. Charakteristisch ist die Mehrdeutigkeit des Wortes: Es meint zugleich das objektive Weltgesetz, die menschliche Vernunft und das ordnende „Wort“ – eine Spannweite, die später die jüdisch-christliche Logos-Theologie (das „Wort“, das im Anfang war) aufnahm.
Maieutik
Von griech. „maieutiké (téchne)“ – „Hebammenkunst“, zu „maia“ (Hebamme, Amme). Wörtlich: die Kunst der Geburtshilfe.
Die Maieutik ist die sokratische Gesprächskunst, durch gezieltes Fragen die im Gesprächspartner bereits angelegte Einsicht ans Licht zu bringen – so, wie eine Hebamme bei einer Geburt hilft.
Den Begriff prägt Platon, der Sokrates im Dialog „Theaitetos“ sein Vorgehen mit dem Handwerk seiner Mutter, der Hebamme Phainarete, vergleichen lässt: Sokrates selbst „gebiert“ kein Wissen, sondern verhilft den anderen dazu, ihre eigenen Gedanken zur Welt zu bringen und zu prüfen, ob es sich um eine tragfähige Einsicht oder bloß um eine „Fehlgeburt“ (ein Scheinwissen) handelt. Eng verbunden ist diese Methode mit der sokratischen Ironie und dem Eingeständnis des Nichtwissens, da der Fragende sich selbst unwissend stellt, um den Gesprächspartner zur eigenständigen Klärung zu führen. Sachlich abzugrenzen ist die Maieutik damit vom bloßen Belehren: Wissen wird nicht eingetrichtert, sondern im Dialog gemeinsam hervorgebracht.
SokratesPlatonverwandt: Sokratische Ironie · Elenktik (Widerlegung) · Dialektik · Anamnesis (Wiedererinnerung) · Aporie Monade
Von griechisch „monás" (μονάς) „Einheit, das Einzelne, das Eine"; abgeleitet von „mónos" (μόνος) „allein, einzig".
Die Monade ist die einfache, unteilbare und „fensterlose" Grundeinheit der Wirklichkeit, eine seelenartige Kraftsubstanz, die das Universum aus ihrer eigenen inneren Perspektive widerspiegelt.
Den Begriff prägte als metaphysischen Zentralterminus Gottfried Wilhelm Leibniz, namentlich in der „Monadologie" (1714), auch wenn das Wort selbst bereits in der antiken (pythagoreischen, platonischen) und neuplatonischen Tradition vorkommt. Monaden sind für Leibniz die letzten, nicht weiter zerlegbaren Bausteine des Seins: Da sie keine Teile haben, können sie weder durch Zusammensetzung entstehen noch durch Zerfall vergehen. „Fensterlos" heißt, dass nichts von außen in sie eintritt oder aus ihnen heraustritt – jede Monade entfaltet ihre Zustände allein aus sich selbst und stellt zugleich, je nach Klarheit ihrer Wahrnehmung (Perzeption), das gesamte Universum aus ihrem Standpunkt dar; ihr Zusammenwirken sichert die von Gott gestiftete „prästabilierte Harmonie".
Ontologische Differenz
Von griech. „ón/óntos" (das Seiende, Partizip von „eĩnai" – sein) und lat. „differentia" (Unterschied, von „differre" – auseinandertragen, dis- + ferre „tragen"). Wörtlich: der „das Seiende betreffende Unterschied" – hier präzisiert als Unterschied zwischen dem Sein und dem Seienden.
Die ontologische Differenz bezeichnet den grundlegenden Unterschied zwischen dem Sein und dem Seienden – zwischen dem Dass-und-Wie-es-ist und den Dingen, die sind.
Der Terminus geht auf Martin Heidegger zurück und steht im Zentrum seines Denkens um „Sein und Zeit" (1927); als feststehender Ausdruck wird er in den unmittelbar folgenden Schriften ausdrücklich gefasst (Vorlesung „Die Grundprobleme der Phänomenologie", 1927; „Vom Wesen des Grundes", 1929). Heidegger unterscheidet das Sein (das Sich-Zeigen, die Verständlichkeit, kraft derer überhaupt etwas „ist") vom Seienden (allem, was es gibt: Dinge, Lebewesen, Zahlen, Götter). Sein ist selbst kein Seiendes, sondern das, was Seiendes als Seiendes allererst erscheinen lässt; die abendländische Metaphysik habe diese Differenz übersprungen und das Sein vom Seienden her gedacht („Seinsvergessenheit"). Beispiel: Ein Hammer ist ein Seiendes – „dass und wie er ist" (sein zuhandenes Sein im Werkzeug-Zusammenhang) ist demgegenüber sein Sein, das im bloßen Vorhandensein gerade nicht aufgeht.
Martin Heideggerverwandt: Sein und Seiendes · Dasein · Seinsvergessenheit · Fundamentalontologie · Metaphysik Paradigma
Von griech. parádeigma „Muster, Beispiel, Vorbild“ (zu paradeiknýnai „nebeneinander zeigen, aufweisen“).
Ein Paradigma ist das in einer Wissenschaft herrschende Grundmodell aus Theorien, Methoden und Musterlösungen, das für eine Epoche festlegt, was als legitime Frage und gültige Antwort gilt.
Den modernen wissenschaftstheoretischen Begriff prägte Thomas Kuhn in „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962). Ein Paradigma umfasst dort sowohl die anerkannten theoretischen Grundüberzeugungen einer Forschergemeinschaft als auch exemplarische Musterlösungen, an denen sich „normale Wissenschaft“ orientiert. Häufen sich Anomalien, die das herrschende Modell nicht erklären kann, kommt es zum Paradigmenwechsel – einer wissenschaftlichen Revolution, in der ein neues Grundmodell das alte ablöst (etwa der Übergang von der ptolemäischen zur kopernikanischen Astronomie). Kuhn betonte die teilweise Inkommensurabilität konkurrierender Paradigmen: Sie sind nicht restlos ineinander übersetzbar, weil sie Begriffe und Beobachtungen verschieden deuten.
Thomas S. Kuhnverwandt: Paradigmenwechsel · Inkommensurabilität · Normalwissenschaft · Wissenschaftliche Revolution · Falsifikation Sprachspiel
Deutsch, zusammengesetzt aus „Sprache" und „Spiel". Der Begriff ist eine eigene Pragung Ludwig Wittgensteins; er verwendet parallel das deutsche „Sprachspiel" und das englische „language-game". Bezeichnet woertlich das regelgeleitete „Spielen" mit Worten als Teil einer Tatigkeit.
Ein Sprachspiel ist die in eine Tatigkeit und Lebensform eingebettete Praxis des Sprechens, in der sich die Bedeutung der Worter aus ihrem Gebrauch ergibt.
Der Begriff stammt von Ludwig Wittgenstein. Er fuehrt ihn bereits in den fruehen 1930er Jahren (im sogenannten „Blauen" und „Braunen Buch") ein und arbeitet ihn in den „Philosophischen Untersuchungen" (postum 1953) zentral und systematisch aus. Er soll hervorheben, dass Sprechen Teil einer Tatigkeit ist und Worter ihre Bedeutung nicht durch ein abgebildetes Objekt, sondern durch ihre Verwendung in geregelten Zusammenhangen erhalten („Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache", PU Paragraph 43). Beispiele wie Befehlen, Bitten, Gruessen oder Witzeerzahlen zeigen die Vielfalt solcher Spiele, die jeweils in eine „Lebensform" eingebettet sind und untereinander oft nur durch „Familienahnlichkeiten" verbunden sind. Damit grenzt sich Wittgenstein von der Abbildtheorie der Sprache seines Fruehwerks („Tractatus logico-philosophicus") ab.
Ludwig Wittgensteinverwandt: Lebensform · Bedeutung als Gebrauch · Familienahnlichkeit · Regelfolgen · Privatsprachenargument Substanz
Von lateinisch „substantia" (das Zugrundeliegende, der Bestand), Lehnübersetzung des griechischen „hypokeimenon" (das Zugrundeliegende) und der aristotelischen „ousia" (Wesen, Seiendheit); wörtlich das „darunter Stehende".
Substanz ist das selbständig Seiende, das nicht an einem anderen, sondern in sich selbst besteht und Träger wechselnder Eigenschaften ist.
Aristoteles bestimmte die „ousia" als das, was weder von einem Zugrundeliegenden ausgesagt wird noch in einem solchen ist – das einzelne Ding (dieser Mensch, dieses Pferd) als Träger von Eigenschaften (Akzidenzien). Descartes definierte Substanz als das, „was so existiert, dass es zu seinem Dasein keines anderen Dinges bedarf", und schied das Geschaffene in denkende (res cogitans) und ausgedehnte Substanz (res extensa). Spinoza radikalisierte ebendiese Definition: Wenn Substanz nichts anderes braucht, kann es nur eine geben – Gott bzw. die Natur (Deus sive Natura), deren bloße Ausdrucksweisen Denken und Ausdehnung als Attribute, alle endlichen Dinge als Modi sind.
Thaumazein (das Staunen)
Von altgriech. „thaumázein" (θαυμάζειν) = „sich wundern, staunen, bestaunen", zum Substantiv „tháuma" (θαῦμα) = „Wunder, erstaunlicher Anblick".
Das Staunen ist die affektiv-erkenntnistheoretische Grunderfahrung, aus der nach antiker Auffassung das philosophische Fragen überhaupt erst entspringt.
Den Begriff prägen zwei klassische Stellen: Im „Theaitetos" (155d) lässt Platon Sokrates sagen, dass der Affekt des Staunens (thaumázein) in besonderem Maße den Philosophen kennzeichne und es keinen anderen Anfang der Philosophie gebe als diesen. Aristoteles greift dies zu Beginn der „Metaphysik" (A 2, 982b11ff.) auf: Aus dem Staunen heraus hätten die Menschen zu philosophieren begonnen, indem sie sich zunächst über das Naheliegende, dann über Größeres wie die Gestirne und den Ursprung des Alls wunderten. Gemeint ist nicht bloße Neugier, sondern die Irritation angesichts des Selbstverständlichen, die das fraglose Hinnehmen durchbricht und in die Suche nach Gründen (das Warum) überführt; wer staunt, erkennt sein Nichtwissen und wird dadurch zum Fragen getrieben.
PlatonAristotelesSokratesverwandt: Aporie · Wissen und Nichtwissen · Neugier (curiositas) · Verwunderung · Anfang der Philosophie Übermensch
Deutsch; Kompositum aus „über“ und „Mensch“. Das Wort ist älter als Nietzsche (u. a. bei Herder und – als „Übermenschen“ – in Goethes „Faust“); ein antiker Vorläufer ist das griechische ὑπεράνθρωπος (hyperánthrōpos, bei Lukian). Wörtlich: „der über den (bisherigen) Menschen Hinausgehende“.
Der Übermensch ist bei Nietzsche das Leitbild eines Menschen, der nach dem „Tod Gottes“ nicht überlieferten Werten gehorcht, sondern aus eigener Kraft schöpferisch neue, lebensbejahende Werte setzt.
Der Begriff wurde von Friedrich Nietzsche philosophisch neu und prägend besetzt und vor allem in „Also sprach Zarathustra“ (1883–1885) entfaltet, wo Zarathustra verkündet: „Der Übermensch ist der Sinn der Erde.“ Gemeint ist kein biologisch höheres Wesen und keine politische Herrenrasse – diese Deutung beruht auf der späteren nationalsozialistischen Verfälschung –, sondern ein Ideal der Selbstüberwindung: Wo mit dem Glaubwürdigkeitsverlust des christlich-metaphysischen Weltbildes der bisherige oberste Wertgrund entfällt und Nihilismus droht, ist der Übermensch derjenige, der diese Sinnleere nicht bejammert, sondern produktiv durchschreitet und eigene Werte schafft. Abgegrenzt wird er vom „letzten Menschen“, der bequeme Sicherheit jedem Wagnis vorzieht, sowie vom bloßen Tier: Der Mensch erscheint Zarathustra als „ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch“.
Friedrich Nietzscheverwandt: Tod Gottes · Wille zur Macht · Umwertung aller Werte · Nihilismus · Selbstüberwindung Universalien
Von lateinisch „universalis“ („allgemein, das Ganze betreffend“), zu „universum“ („das Ganze“); Lehnübersetzung des griechischen „katholou“ (kath' holou, „im Ganzen, allgemein“). Wörtlich also: „das Allgemeine“.
Universalien sind die Allgemeinbegriffe oder allgemeinen Wesenheiten (etwa „Mensch“, „Röte“, „Dreieck“), die vielen Einzeldingen gemeinsam zukommen, und deren ontologischer Status – ob real, im Ding oder bloß im Namen – das sogenannte Universalienproblem bildet.
Die Frage geht auf Platons Ideenlehre zurück, wonach das Allgemeine als eigenständige, vom Einzelding getrennte Idee real existiert (Universalien ante rem). Aristoteles verlegte das Allgemeine in die Einzeldinge selbst, als deren Form (Universalien in re), und kritisierte die Selbständigkeit der Ideen. Im Mittelalter spitzte sich der durch Boethius' Porphyrios-Kommentar überlieferte Streit zwischen Realismus, gemäßigtem Realismus (Abaelard) und Nominalismus zu; Wilhelm von Ockham bestritt, dass Universalien außerhalb des Verstandes existieren, und deutete sie als bloße Begriffe oder Zeichen für gleichartige Einzeldinge (Universalien post rem). Beispiel: Existiert „die Röte“ als solche, oder gibt es nur einzelne rote Dinge und ein gemeinsames Wort?
Utilitarismus
Von lat. „utilitas" (Nutzen, Vorteil, Brauchbarkeit), zu „utilis" (nützlich); die Lehre vom Nützlichen.
Ethische Theorie, nach der eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie das Wohlergehen (Glück, Nutzen) aller Betroffenen insgesamt maximiert.
Systematisch begründet wurde der Utilitarismus von Jeremy Bentham, der das Prinzip „das größte Glück der größten Zahl" zum Maßstab erhob und Lust und Schmerz quantitativ zu kalkulieren suchte. John Stuart Mill verfeinerte die Lehre, indem er zwischen höheren (geistigen) und niederen (sinnlichen) Freuden unterschied und so eine qualitative Bewertung einführte. Als konsequenzialistische Ethik bemisst der Utilitarismus den Wert einer Handlung allein an ihren Folgen für das Gesamtwohl – im Gegensatz etwa zu Kants Pflichtethik, die die Gesinnung und allgemeingültige Maximen ins Zentrum stellt. Ein klassischer Einwand lautet, dass die Maximierung des Gesamtnutzens die Aufopferung Einzelner rechtfertigen könnte.
Wille zur Macht
Deutsch: „Wille“ (Streben, Wollen) und „Macht“ (von ahd. „magan“ – können, vermögen); wörtlich das Vermögen, Wirkung auszuüben. Nietzsche denkt „Macht“ weniger als Herrschaft denn als Kraft des Wachsens und Mehr-werden-Könnens.
Der „Wille zur Macht“ bezeichnet bei Nietzsche den Grundtrieb alles Lebendigen, nicht bloß sich zu erhalten, sondern sich zu steigern, zu wachsen und sich selbst zu überwinden.
Der Begriff wurde von Friedrich Nietzsche geprägt und durchzieht sein Spätwerk (u. a. „Also sprach Zarathustra“, „Jenseits von Gut und Böse“). Gemeint ist kein politisches Herrschaftsstreben, sondern ein dynamisches Prinzip: Leben ist für Nietzsche wesentlich Aneignung, Überwältigung und Selbststeigerung. Damit wendet er sich ausdrücklich gegen Schopenhauers „Willen zum Leben“ und gegen die bloße Selbsterhaltung (Darwin): nicht das Überdauern, sondern das Mehr-werden ist das Eigentliche. Der posthum unter diesem Titel zusammengestellte Nachlass-„Band“ ist eine Kompilation seiner Schwester (Elisabeth Förster-Nietzsche, gemeinsam mit Peter Gast) und kein von Nietzsche autorisiertes Werk.
Friedrich Nietzscheverwandt: Übermensch · Lebensbejahung · Umwertung aller Werte · Wille zum Leben · ewige Wiederkunft